Sicherheitstraining für Zugbegleiter nach tödlichem Angriff: Deeskalation statt Konfrontation
Der tödliche Angriff auf einen Zugbegleiter in Rheinland-Pfalz Anfang Februar hat bei Bahnkollegen tiefe Spuren hinterlassen. Dies zeigt sich besonders deutlich bei einem Selbstbehauptungstraining für Kontrolleure im thüringischen Erfurt, wo realistische Konfliktsituationen im Zug nachgestellt werden.
Realistische Rollenspiele für den Ernstfall
Ein großer, aggressiv wirkender Mann breitet sich im Sitz des Regionalexpresses aus und reckt provozierend das Kinn. Statt eine Fahrkarte vorzuzeigen, beschimpft er den Kontrolleur lautstark und macht unmissverständlich klar, dass er nicht diskutieren will. „Hau ab!“, brüllt er. Die Situation wirkt extrem bedrohlich.
Diese Szene ist zwar nur gestellt und Teil des Sicherheitstrainings für Zugbegleiter im Nahverkehr der Deutschen Bahn. Doch genau in solchen oder noch schlimmeren Auseinandersetzungen mit Fahrgästen finden sich Kontrolleurinnen und Kontrolleure in den Zügen immer häufiger wieder. Der tödliche Angriff bei einer Fahrkartenkontrolle in Rheinland-Pfalz hat der Öffentlichkeit vor Augen geführt, wie gefährlich dieser Beruf sein kann.
„Das hätte auch ich sein können“
„Beleidigungen gehören für uns fast zum Alltag. Wir bekommen häufig den Frust über Verspätungen und andere Probleme ab“, berichtet Trainingsteilnehmer Jonas Weiß. Der 25-jährige Kundenbetreuer im Thüringer Nahverkehr ist bei der Arbeit glücklicherweise noch nicht körperlich verletzt worden. „Ich bin auf einer eher ruhigen Strecke mit vielen Schülern und Senioren unterwegs.“ Dennoch sagt er mit Blick auf den getöteten Kollegen: „Das hätte auch ich sein können.“
Als die Nachricht vom Tod des 36-jährigen Kollegen bekannt wurde, befand sich Weiß gerade im Dienst. „Ich habe im Zug dazu eine Durchsage gemacht.“ Fahrgäste sprachen ihn darauf an, und er musste sich Tränen aus den Augen wischen.
Alarmierende Zahlen zu Gewalt gegen Bahnpersonal
Die Deutsche Bahn zählte im Jahr 2025 mehr als 3.000 allein körperliche Angriffe auf ihr Personal. Von grenzüberschreitenden Beleidigungen und verbalen Attacken ganz zu schweigen. Die Hälfte dieser Übergriffe richtet sich gegen Beschäftigte im Regionalverkehr.
Die Bundespolizei in Pirna verfügt über regionale Angaben zu Gewalttaten im Zusammenhang mit dem Zugverkehr, betont jedoch, dass sich ihr Zählsystem von dem der Bahn unterscheidet. Dennoch zeigen die Polizeiangaben deutlich, dass die Zahl der erfassten Gewaltdelikte in den vergangenen Jahren kontinuierlich angestiegen ist:
- 177 Fälle im gesamten Jahr 2023 im Zuständigkeitsbereich Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen
- 225 Fälle im Jahr 2024
- 314 Fälle im Jahr 2025
Allein die Thüringer Zahlen verdeutlichen diese besorgniserregende Entwicklung: Nach 19 Gewaltstraftaten im Jahr 2023 und 43 im Jahr 2024 waren es im vergangenen Jahr bereits 62. Bei diesen Delikten handelte es sich überwiegend um Körperverletzungen, gefolgt von Bedrohungen. Die Opfer waren dabei vor allem Bahn-Mitarbeitende.
Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit
Die Deutsche Bahn versucht mit verschiedenen Maßnahmen, die Sicherheit für Mitarbeiter im direkten Kundenkontakt zu erhöhen. Jüngst kündigte das Unternehmen mehr Bodycams an – kleine Kameras, mit denen gefilmt werden kann. Ein bereits vorhandener Hilferufknopf für Gefahrensituationen soll weiterentwickelt werden. Zusätzlich sollen 200 weitere Sicherheitskräfte die vorhandenen 4.000 unterstützen.
Trainings wie das in Erfurt gehören bereits länger zu diesen Sicherheitsmaßnahmen. Die Bahn bezieht diese Kurse beim Verband Deutscher Eisenbahner-Sportvereine. Neben den Selbstbehauptungskursen gibt es auch theoretischere Deeskalationskurse. Die praktischen Teile mit Rollenspielen, in denen ganz realistisch auch mal geschubst und gepöbelt wird, werden von den Teilnehmern in Erfurt besonders begrüßt.
„Sicher nach Hause kommen“ statt Kämpfer werden
Im Training werden den Mitarbeitenden zwar grundlegende Techniken zur Selbstverteidigung vermittelt. Doch der Schwerpunkt liegt eindeutig darauf, Konflikte zu vermeiden und sich aus gefährlichen Situationen herauszunehmen. „Es geht nicht darum, dass ihr Kämpfer werdet, sondern, dass ihr sicher nach Hause kommt“, fasst Trainer Jörg Aschemann die Philosophie hinter dem Kurs für die Teilnehmer zusammen.
Die Bahnmitarbeiter sollen lernen, sich in Konfliktsituationen durch gezielte Körpersprache besser behaupten zu können. Gleichzeitig werden sie für potenzielle Gefahren im Arbeitsalltag sensibilisiert. „Flaschen im Blick haben, die sind immer eine Gefahr“, erklärt Aschemann als Beispiel.
Tiefe Betroffenheit unter den Kollegen
Auch Teilnehmerin und Zugbegleiterin Karin Wagner steckt das Schicksal des Kollegen in Rheinland-Pfalz noch tief in den Knochen. „Ich kannte ihn nicht, aber...“ Den Satz kann sie nicht zu Ende bringen, Tränen schießen ihr in die Augen. Die erfahrene Kundenbetreuerin erkennt mittlerweile schon, welche Fahrgäste besonders im Blick behalten werden sollten. „Beschimpfungen sind alltäglich, aber es belastet mich schon, wenn man so angegangen wird“, gesteht sie. Trotz aller Berufserfahrung: Die Nachricht vom Tod des Zugbegleiters in Rheinland-Pfalz habe sie und ihre Kollegen sehr mitgenommen.
Zugbegleiter Jonas Weiß hofft derweil, dass bei Bahnreisenden auch in ärgerlichen und schwierigen Situationen eine wichtige Erkenntnis an erster Stelle steht: „Die Kundschaft sollte daran denken, dass ein Mensch und keine Maschine vor ihnen steht.“



