LMU-Studie untersucht Missbrauchsvorwürfe in evangelischem Kinderheim in der Rhön
Missbrauchsvorwürfe in Rhöner Kinderheim: LMU startet Studie

Wissenschaftliche Aufarbeitung von Missbrauchsvorwürfen in fränkischem Kinderheim

Die Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) hat eine umfassende wissenschaftliche Studie initiiert, um Vorwürfe sexualisierter Gewalt im evangelischen Kinderheim Nicolhaus in Willmars an der bayerisch-thüringischen Grenze aufzuarbeiten. Die Untersuchung konzentriert sich auf einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten, beginnend in den 1950er Jahren bis in die 1980er Jahre hinein.

Historische Dimension der Vorwürfe

Bereits im Jahr 2012 hatten ehemalige Heimkinder erstmals öffentlich über ihre traumatischen Erfahrungen berichtet. „Weitere betroffene Personen meldeten sich zu Wort und schilderten ein Klima der Kinderfeindlichkeit, Gewalt, Grausamkeit und Angst, das in dem Heim geherrscht habe“, erklärt der Leiter der Studie, Kirchenhistoriker Christopher Spehr. Die Vorwürfe umfassen physische, psychische und sexualisierte Gewaltformen, die über einen langen Zeitraum systematisch ausgeübt worden sein sollen.

Das Kinderheim Nicolhaus existiert seit dem Jahr 1884 in dem kleinen Dorf Willmars mit etwa 450 Einwohnern am Rande des Naturparks Rhön. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Einrichtung vor allem Waisenkinder sowie Kinder aus damals als problematisch eingestuften Familienverhältnissen auf. Aktuell werden dort 48 Kinder und Jugendliche betreut.

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Methodik der wissenschaftlichen Untersuchung

Die Wissenschaftler planen eine kritische, konsequente und unabhängige Untersuchung der möglichen Gewalttaten sowie der dahinterstehenden Strukturen und zeitgeschichtlichen Kontexte. „Neben Interviews mit Betroffenen, deren Berichte einen zentralen Platz einnehmen werden, soll die Auswertung von Archivmaterialien und anderen Quellen die Umstände und Strukturen offenlegen, die die Übergriffe ermöglicht haben“, erläutert Historikerin Angelika Censebrunn-Benz, die an der Studie mitarbeitet.

Die unabhängige Studie wird finanziert von:

  • der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern
  • dem Diakonieverein Willmars
  • dem Diakonischen Werk Bayern
  • der Diakoniegemeinschaft Stephansstift

Juristische Dimension und Verjährungsfragen

Die Staatsanwaltschaft Schweinfurt hatte nach einem Zeitungsbericht im Frühjahr 2024 Vorermittlungen zu den möglichen Missbrauchsfällen eingeleitet. Dem Bericht zufolge sollen mehrere Täter, darunter Geistliche, zwischen 1969 und 1973 Jungen sexueller Gewalt ausgesetzt haben.

Die Behörde teilte mit: „Bei der Täterschaft soll es sich um einen 'Pädophilenring' gehandelt haben, der aus dem Diakon, dem Pfarrer, deren Ehefrauen und zwei Erzieherinnen bestanden haben soll.“ Ein Behördensprecher fügte hinzu: „Aufgrund des Alters der Betroffenen, das maßgeblich für die Verjährungsfrist ist, wäre die Verjährung spätestens im Jahr 2001 eingetreten.“

Obwohl die möglichen Straftaten laut Staatsanwaltschaft Schweinfurt längst verjährt sind, soll die wissenschaftliche Aufarbeitung nun Licht in die dunklen Kapitel der Heimgeschichte bringen. Die zweijährige Studie der LMU München stellt damit einen wichtigen Schritt zur historischen Einordnung und gesellschaftlichen Verarbeitung der Vorwürfe dar.

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