Kritische Zustände im Praktischen Jahr: Jeder dritte Nachwuchsmediziner denkt über Berufswechsel nach
PJ-Krise: Jeder dritte junge Mediziner erwägt Berufswechsel

Kritische Zustände im Praktischen Jahr: Jeder dritte Nachwuchsmediziner denkt über Berufswechsel nach

Eine aktuelle Umfrage der Ärztegewerkschaft Marburger Bund offenbart alarmierende Missstände in der medizinischen Ausbildung. Rund ein Drittel der angehenden und frisch ausgebildeten Ärztinnen und Ärzte erwägt demnach, die kurative Medizin zu verlassen. Die Untersuchung basiert auf den Antworten von etwa 1800 Medizinstudierenden im Praktischen Jahr sowie Ärzten, deren PJ nicht länger als drei Jahre zurückliegt.

Überlastung und mangelnde Betreuung als Hauptprobleme

Die Arbeitsbedingungen im Praktischen Jahr werden von den Befragten als äußerst belastend beschrieben. Mehr als die Hälfte der Teilnehmenden arbeitet zwischen 40 und 50 Stunden pro Woche in den Lehreinrichtungen. Hinzu kommen regelmäßige Nacht- und Wochenenddienste, die oft ohne zusätzliche Vergütung geleistet werden müssen. Besonders kritisch bewerten die Nachwuchsmediziner die Betreuungssituation: 39 Prozent gaben an, im ersten PJ-Tertial keine festen Ansprechpartner wie Mentorinnen oder Mentoren gehabt zu haben.

Viele berichteten, dass sie regelmäßig ärztliche Tätigkeiten ohne ausreichende Anleitung übernahmen und zugleich in erheblichem Umfang nichtmedizinische Aufgaben erledigen mussten. Die eigentlich vorgesehenen Studientage zur Vorbereitung auf das dritte Staatsexamen lassen sich im Klinikalltag oft nicht umsetzen – 65 Prozent der Befragten haben nicht ausreichend Zeit für das Selbststudium.

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Finanzielle Not und strukturelle Probleme

Die finanzielle Situation stellt einen weiteren Kritikpunkt dar. Viele PJ-Studierende sind laut Marburger Bund weiterhin auf familiäre Unterstützung oder Nebenjobs angewiesen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Tobias Bokowski, Vorsitzender des Sprecherrates der Medizinstudierenden im Marburger Bund, äußert sich besorgt: "Besonders frustrierend ist, dass Krankheitstage von den Fehltagen für Urlaub und Lernzeit abgezogen werden. Wer krank ist, verliert diese wertvolle Zeit."

In freien Antworten schilderten die Befragten konkrete belastende Situationen, darunter auch Fälle von Sexismus. Eine Teilnehmerin berichtete: "Dass im OP mehrfach zu mir gesagt wurde, dass ich das ja ganz gut mache, für eine Frau." Andere mussten gegen ihre Kompetenzen Aufklärungsgespräche führen oder fühlten sich mit Verantwortung überfordert.

Warnsignal für das Gesundheitssystem

Für Susanne Johna, Vorsitzende des Marburger Bundes, sind die Umfrageergebnisse ein deutliches Warnsignal: "Wer im PJ vor allem Lücken im System stopft, statt strukturiert zu lernen, verliert Vertrauen in den ärztlichen Beruf", betont sie in einer Pressemitteilung. "Gute Ausbildung braucht verlässliche Strukturen, ausreichende Betreuung, gute Rahmenbedingungen und ein wertschätzendes Arbeitsklima."

Die Befragten konnten in der Umfrage auch konkrete Verbesserungsvorschläge machen. Zu den wichtigsten Forderungen gehören:

  • PJ-Unterricht mit strikter Einhaltung des Lernplans
  • Feste fachärztliche Mentoren mit verpflichtender Dokumentation von Erst- und Abschlussgesprächen
  • Höhere Aufwandsentschädigung und geregelter Überstundenausgleich
  • Bessere Trennung zwischen Ausbildungs- und Dienstzeiten
  • Strukturelle Verbesserungen der Betreuungsangebote

Die Umfrage zeigt deutlich, dass das Praktische Jahr in seiner aktuellen Form seiner wichtigen Aufgabe als strukturierte Ausbildungsphase nicht gerecht wird. Unter den derzeitigen Bedingungen droht der Verlust wertvollen ärztlichen Nachwuchses – ein Problem, das langfristige Auswirkungen auf das gesamte Gesundheitssystem haben könnte.

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