Bekannter Kinderpsychiater muss vor Gericht
Dr. Michael Winterhoff (71), ein bundesweit bekannter Psychiater und Bestseller-Autor, ist am Mittwoch vor dem Bonner Gericht wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Der Mediziner, der regelmäßig in Talkshows auftrat und durch Bücher wie „Warum Kinder Tyrannen werden“ bekannt wurde, musste sich seit einem Jahr in mehreren Verhandlungsterminen verantworten.
Gericht sieht Aufklärungsdefizite als erwiesen an
Das Gericht stellte klar, dass Winterhoff seine ärztliche Aufklärungspflicht verletzt habe, indem er die Eltern seiner Patienten nicht ausreichend über die Wirkungen des Psychopharmakums Pipamperon informierte. Allerdings betonte die Richterin, dass der Angeklagte nicht aus schädlicher Absicht gehandelt habe, sondern „aus seiner ureigenen ärztlichen Überzeugung und in heilender Absicht“. Die Staatsanwaltschaft hatte deutlich strenger eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten wegen gefährlicher Körperverletzung gefordert.
Patienten litten unter schweren Nebenwirkungen
Laut Anklage verordnete Winterhoff das Medikament Pipamperon, das zur Behandlung psychischer Störungen eingesetzt wird, ohne medizinische Notwendigkeit und klärte die Sorgeberechtigten nicht umfassend über mögliche Nebenwirkungen auf. Obwohl er die Einwilligung der Eltern einholte, ging er fälschlicherweise davon aus, ausreichend aufgeklärt zu haben. Die Folgen für die betroffenen Kinder und Jugendlichen waren gravierend: Sie litten unter Gewichtszunahme, extremer Müdigkeit und Bewegungssteifigkeit. Mehrere junge Patienten beschrieben, sich durch die Medikation „wie Roboter“ gefühlt zu haben.
Winterhoff beteuert bis zum Schluss seine Unschuld
Der Psychiater bestritt die Vorwürfe konsequent und beteuerte seine Unschuld. Seine Verteidiger plädierten entsprechend auf Freispruch, da Winterhoff stets in guter Absicht gehandelt habe. Das Gericht sah dies jedoch anders und verhängte die Bewährungsstrafe, die deutlich unter dem Strafantrag der Anklage blieb.
Betroffene Mutter zeigt sich enttäuscht vom Urteil
Daniela (52), Mutter einer der betroffenen Patientinnen, reagierte fassungslos auf das Urteil. „Für mich ist es ein enttäuschendes Urteil. Ich bin fassungslos, weil er mit so einer geringen Strafe davongekommen ist“, erklärte sie. Ihre Tochter Lara, heute 18 Jahre alt, erhielt zwischen 2015 und 2021 das Medikament und leidet bis heute unter den Folgen. „Meine Tochter hat immer noch Angstattacken und Schlafstörungen, die durch das Medikament verursacht wurden“, so die besorgte Mutter.
Der Fall wirft grundsätzliche Fragen zur ärztlichen Sorgfaltspflicht und zur Aufklärung bei der Verordnung von Psychopharmaka bei jungen Patienten auf. Trotz der Verurteilung bleibt Winterhoffs berufliche Zukunft zunächst unklar, da die Bewährungsstrafe ihm ermöglicht, seine Tätigkeit vorerst fortzusetzen.



