Ärztemangel in Niedersachsen: Lange Wartezeiten und Frust auf dem Land
In der Provinz Niedersachsens sind lange Wartezeiten in Arztpraxen und weite Autofahrten für Patienten oft Alltag. Der Mangel an Haus- und Fachärzten führt zu erheblichen Versorgungsproblemen, besonders in ländlichen Regionen. Aus Ostfriesland senden Mediziner nun einen dringenden Notruf an die Landesregierung.
Frustration bei Ärzten und Patienten
Hausarzt Holger Plochg aus Bunde in Ostfriesland erlebt den Ärztemangel täglich. „Morgens ab acht Uhr ist die Praxis picke-packe-voll“, berichtet der Allgemeinmediziner. Seit 1997 praktiziert er in dem kleinen Ort nahe der niederländischen Grenze und beobachtet mit Sorge, wie sich die Situation verschlechtert. „Ich habe Wut im Bauch“, sagt Plochg, der den Mangel bereits vor über zwanzig Jahren mit Politikern diskutierte, ohne dass sich substanziell etwas änderte.
Die demografische Entwicklung sei bekannt, doch konkrete Verbesserungen blieben aus. Früher gab es vier Ärzte im Ort, heute behandelt Plochg allein rund 3.000 Patienten pro Quartal – früher waren es nur 600. „Menschliche Heilung bedarf Arztzeit“, betont er und erklärt, dass er an seine Kapazitätsgrenzen stößt.
Schlangestehen für medizinische Versorgung
Ein ähnliches Bild zeigt sich in Weener, wo Hautarzt Bernd Brinker mittwochs eine offene Sprechstunde anbietet. Dutzende Patienten stehen regelmäßig Schlange, manche kommen bereits um 6.00 Uhr. Petra Wissmann und ihre Tochter reisen aus dem 20 Kilometer entfernten Nortmoor an. „Es ist schon ein riesiger Aufwand, damit man einen Termin bekommt“, sagt Wissmann. Dienstpläne werden verschoben, Kollegen springen ein.
Brinker behandelt Patienten aus einem Umkreis von bis zu 80 Kilometern. Die Motivation für diese langen Wege sei „die blanke Not“, da viele Praxen einen Patientenannahmestopp verhängt hätten. Der Hautarzt wünscht sich Entlastung: „Dafür brauchen wir aber Personal, vor allem ärztliches Personal.“
Dimension des Problems
Hunderte Fach- und Hausärzte fehlen in Niedersachsen. Allein bei den Hausärzten waren im Dezember 447 Niederlassungsmöglichkeiten unbesetzt, wie die Kassenärztliche Vereinigung (KVN) mitteilt. Besonders betroffen sind ländliche Regionen, da junge Mediziner oft in städtische Zentren mit besserer Infrastruktur ziehen.
Die Ärzte Plochg und Brinker sehen nur eine Lösung: mehr Ärzte. Kurzfristig könnten Mediziner aus dem Ruhestand reaktiviert werden, langfristig brauche es deutlich mehr Studienplätze. „Die Anzahl der Medizinstudienplätze müsste um 4.000 bis 5.000 erhöht werden“, fordert Plochg für ganz Deutschland.
Niedersachsen als Schlusslicht
Bei Medizinstudienplätzen liegt Niedersachsen im bundesweiten Vergleich auf den hinteren Rängen. Eine Studie des Centrums für Hochschulentwicklung zeigt, dass auf 100.000 Einwohner nur zehn Plätze an staatlichen Hochschulen kommen. Nur Bremen und Brandenburg schneiden noch schlechter ab.
Maßnahmen der Landesregierung
Die rot-grüne Landesregierung hat einen Zehn-Punkte-Aktionsplan gegen den Hausärztemangel vorgestellt. Gesundheitsminister Andreas Philippi (SPD) verweist auf die Landarztquote, die jährlich 60 Bewerbern den Zugang zum Medizinstudium erleichtert, wenn sie sich verpflichten, zehn Jahre in unterversorgten Regionen zu arbeiten.
Zudem werden 80 zusätzliche Studienplätze geschaffen, die ab dem Wintersemester 2026/2027 an der Universitätsmedizin Oldenburg hinzukommen. Zusammen mit Hannover und Göttingen soll es dann 876 Plätze in der Humanmedizin geben.
Zukunftssorgen und Hoffnung
Hausarzt Plochg befürchtet, dass er ab Oktober allein praktizieren muss, wenn der zweite Hausarzt in Bunde in den Ruhestand geht. Trotz des Frusts gibt er die Hoffnung nicht auf, Nachwuchsmediziner für das Land zu gewinnen. „Ich liebe meinen Beruf als Landarzt und mache täglich Werbung dafür“, sagt er, auch wenn er versteht, dass junge Ärzte in Länder wie die Schweiz oder Norwegen abwandern.



