Ärger um neue Transport-Regel: Senioren nach Krankenhausaufenthalt nicht mehr nach Hause gebracht
Wie nun weiter? Vor dieser Frage stehen viele geriatrische Patienten, wenn es um den Heimweg nach einem Krankenhausaufenthalt geht. Betagte Menschen sind nach einer Klinikbehandlung oft nicht imstande, selbst nach Hause zu gelangen. Eine strengere Regel-Auslegung stellt Pflegekräfte jetzt vor erhebliche Probleme.
Krankenwagen erfordert medizinische Notwendigkeit
Die 75-jährige Frau W. aus Wolde zum Beispiel, die zwei Wochen lang auf der Station F01 für Akutgeriatrie und Frührehabilitation im Krankenhaus Altentreptow behandelt wurde, ist ein typischer Fall. Nach einem Sturz in der eigenen Wohnung war sie mit einem Krankenwagen eingeliefert worden. Um den Heimweg jedoch muss sich Frau W. selbst kümmern, was ihr nicht möglich ist, oder ihre Familie, die nicht vor Ort ist. Letztlich fällt diese Aufgabe dem Pflegeteam des Krankenhauses zu, das mehrmals pro Woche organisiert, wie vor allem auswärtige Patienten wieder nach Hause gelangen.
Denn ein Krankentransport darf von der zuständigen Leitstelle nur bewilligt werden, wenn die medizinische Notwendigkeit nachgewiesen ist, erklärt Katrin Marx, stellvertretende Stationsleitung auf der F01. Dieser deutschlandweit geltenden Richtlinie liegt zugrunde, dass Menschen nach einem Krankenhausaufenthalt wieder bei Kräften seien. Allerdings sind unsere Patienten fast durchweg über 70 und hochgradig erkrankt, verdeutlicht Schwester Katrin. Sie gehen nicht gesund nach Hause. Viele müssten im Tragestuhl, liegend oder mit Mobilitätsunterstützung transportiert werden, auch wenn nicht die geforderten medizinischen Notwendigkeiten bestünden, zu denen etwa Sauerstoffversorgung, fachliche Überwachung oder spezielle Lagerung gehören.
Telefonmarathon bei Taxi-Unternehmen und Fahrdiensten
Die zuvor offenbar recht kulant ausgelegte Bewilligungsregelung werde seit Jahresbeginn deutlich strenger gehandhabt, stellen die Altentreptower Klinik-Belegschaft fest. Auch am Standort Malchin gebe es dieses Problem. Offenbar seien nach dem Eindruck der Krankenkassen zu viele Entlassungen mit dem Krankentransport gefahren worden, sagt Anne-Christin Raap, Bereichspflegedienstleitung am Standort Altentreptow des Dietrich-Bonhoeffer-Klinikums.
Die Folgen der neuen Strenge bleiben somit an den Patienten oder, da diese das oft nicht selbst erledigen können, am Klinik-Personal hängen: Pflegekräfte telefonieren Taxi-Unternehmen und Fahrdienste ab, die allerdings in der Region dünn gesät sind. Problematisch ist vor allem alles, was nicht in Richtung Neubrandenburg fährt, berichtet Katrin Marx. Ein Dienstleister aus der Kreisstadt, der nach vollbrachter Tour wieder im eigenen Revier ist, findet sich noch am ehesten. Doch bleiben wir beim Beispiel von Frau W.: Für die Fahrt aus Neubrandenburg nach Altentreptow, mit der Patientin heim nach Wolde und wieder zurück nach Neubrandenburg fallen rund 60 Kilometer an, von denen die Kasse jedoch nur die 13 von der Klinik zum Wohnsitz zahlt.
Viele gelistete Betriebe nicht mehr verfügbar
Auch aus entfernteren Orten, bis hin nach Woldegk oder Waren, kommen Patienten zur F01, die über 20 Betten verfügt und jährlich rund 800 Patienten betreut. Die Abteilung ist spezialisiert auf die Behandlung alter Menschen mit komplexen körperlichen und oft auch psychisch-sozialen Problemen, sowohl in Akut-Situationen wie nach einem Sturz oder Schlaganfall als auch mit zweiwöchigen geriatrischen Komplexbehandlungen, die sie wieder fitter für einen selbstbestimmten Alltag machen sollen.
Standen die Mitarbeiter anfangs mehrmals pro Woche vor der Herausforderung eines Telefonmarathons, um eine Heimfahrt zu organisieren, haben sie inzwischen einige Erfahrung hinzugewonnen, wo sie anrufen können. Allerdings auch die Erfahrung, dass es von der Liste, die die Leitstelle zur Verfügung stellte, viele Unternehmen gar nicht mehr gibt oder andere keine Krankenfahrten mehr übernehmen. Sollte sich einmal gar keine Lösung finden, müsste die Entlassung tatsächlich aufgeschoben werden, was aber ebenfalls von den Krankenkassen nicht gutgeheißen wird. Irgendwann kommt der Tag, an dem wir einen Patienten im Rollstuhl quer durch die Stadt nach Hause schieben, merkt Schwester Katrin mit einigem Galgenhumor an.
Wunsch nach zentraler Koordinierung
Überhaupt fühlt sich das Team mit den Konsequenzen der Transportregelung allein gelassen. Die Pflege hat andere Aufgaben als stundenlange Telefonate, stellt denn auch Bereichspflegedienstleiterin Anne-Christin Raap klar. Die Zeit fehlt uns in der Patientenversorgung. Hilfreich wäre aus ihrer Sicht zum Beispiel eine zentrale Koordinierung aller verfügbaren Fahrdienste der Region. In Ballungszentren würden dafür Software-Lösungen genutzt, weiß die Fachfrau. Zugleich weiß sie, dass in hiesigen Gefilden die Anzahl möglicher Kooperationspartner überschaubar ist. Sie in ein Boot zu holen, könne aber ein Anfang sein. Wenn wir über die drohende Unterversorgung ländlicher Räume sprechen, mahnt Anne-Christin Raap, gehören Krankentransporte unbedingt dazu.



