Patienten im Stich gelassen: Taxi-Streik legt lebenswichtige Krankentransporte lahm
Der anhaltende Vergütungsstreit zwischen Taxi- und Mietwagenunternehmen und den Krankenkassen in Mecklenburg-Vorpommern hat dramatische Folgen für schwerkranke Patienten. Während der Aktionstage am 1. und 2. April wurden zahlreiche lebensnotwendige Fahrten zu medizinischen Behandlungen verweigert, was besonders Dialyse-Patienten in existenzielle Nöte stürzte.
Gabriele Seliger: Eine Patientin zwischen allen Fronten
Die 68-jährige Rostockerin Gabriele Seliger, die nach einer Amputation ihres rechten Fußes dreimal wöchentlich zur Dialyse muss, erlebte am Gründonnerstag einen Albtraum. Nachdem sie morgens noch von einem Krankentransportwagen abgeholt worden war, erhielt sie während ihrer Behandlung die niederschmetternde Nachricht: Ihre Krankenkasse Viactiv lehnte die Kostenübernahme für den Rücktransport ab.
"Ich habe einfach Angst", beschreibt die im Rollstuhl sitzende Seniorin ihre Gefühlslage, als sie im Dialysezentrum des Südstadtcenters festsaß und nicht wusste, wie sie nach Hause kommen sollte. Die Situation eskalierte, weil reguläre Krankenfahrten zu Dialyse-Behandlungen seit den 1990er Jahren an Taxi- und Mietwagenunternehmen ausgelagert sind - genau jene Branche, die nun aus Protest gegen unzureichende Vergütungen in den Streik getreten ist.
Fahrdienste in der Zwickmühle: Zwischen Solidarität und Insolvenz
Frank Otto, Inhaber des auf Krankentransferleistungen spezialisierten Rostocker Unternehmens, das Gabriele Seliger seit fünf Jahren transportiert, stand vor einem moralischen Dilemma. "Wir konnten die Patientin eben einfach nicht allein lassen", erklärt er. Sein Unternehmen holt die Seniorin aus der Wohnung ab, bringt sie bis zum Dialyse-Bett und holt sie nach der Behandlung wieder ab - ein Service, der speziell geschultes Personal erfordert.
Doch die wirtschaftliche Realität ist hart: Während die Krankenkassen aktuell 65,50 Euro pro Fahrt zahlen, benötigen die Unternehmen nach Ottos Angaben mindestens 93 Euro, um kostendeckend zu arbeiten. "Wenn sich die Krankenkassen hier nicht bewegen, geht es für die Fahrdienste, die Liegend- und Tragestuhlfahrten anbieten, in die Insolvenz", warnt der Unternehmer.
Krankenkassen demonstrieren Gleichgültigkeit
Heinrich Prophet, CDU-Bürgerschaftspräsident und Leiter des Dialysezentrums im Südstadtcenter, berichtet von chaotischen Zuständen. Er und sein Team verzichteten auf Urlaub, um die Versorgung aufrechtzuerhalten, während die Krankenkassen ihrer Ansicht nach versagten.
"Die Kassen signalisieren ja immer, dass sie gesprächsbereit sind und Fahrdienste zur Verfügung stellen werden", so Prophet, "aber das hat gar nicht funktioniert." Mehrere Sachbearbeiter hätten nicht einmal von der kritischen Situation gewusst oder Gleichgültigkeit demonstriert. Prophet spricht von "Hilfeschreien seiner Schwestern", weil die Kassen Kostenübernahmen für dringend benötigte Krankentransportwagen ablehnten.
Die stillen Helfer: Fahrdienste auf eigenen Kosten
Während die Krankenkassen blockierten, zeigten sich die Fahrdienste solidarisch. "Die haben mir vielfach zugesichert, dass sie im Notfall die Patienten 'im Stillen' erstmal auf eigene Kosten fahren", berichtet Prophet. Nur durch diese informelle Lösung konnten alle Patienten versorgt werden, da die Kliniken nicht genug Kapazitäten für stationäre Aufenthalte hatten.
Gunnar Weiß vom Landesverband betont die Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtung: Etwa 80 Prozent aller Krankenfahrten seien mit normalen Taxis möglich, aber die übrigen 20 Prozent erforderten Spezialfahrzeuge und geschultes Personal. "Die Kassen behandeln diese Fälle allerdings, als ob sie mit einem normalen Taxi auskommen würden", kritisiert Weiß.
Ein teurer Kompromiss mit ungewissem Ausgang
Für Gabriele Seliger gab es am Nachmittag des Gründonnerstags immerhin eine vorläufige Lösung: Nach zahlreichen Telefonaten übermittelte ihre Krankenkasse eine Abtretungserklärung, die die Abrechnung der Fahrt ermöglicht. Doch Frank Otto bleibt skeptisch: "Ob die Kasse aber am Ende wirklich das vergütet, was wir aufrufen, bleibt abzuwarten."
Die mögliche Differenz sowie die Kosten für den Rettungswagen am Morgen muss die 68-Jährige voraussichtlich selbst tragen. Trotz dieser Belastungen unterstützt sie die Forderungen der Fahrer: "Du musst die Leute doch anständig bezahlen", sagt sie entschieden.
Ruf nach politischem Eingreifen
Alle Beteiligten bewerten die aktuelle Situation als "absoluten Skandal". Gunnar Weiß sieht nun das Sozialministerium in der Pflicht: "Ich erwarte von der Sozialministerin Stefanie Drese (SPD), als Leiterin der Aufsichtsbehörde, eine Ansage, was zu tun ist." Zwar müsse sich das Ministerium aus Tariffragen heraushalten, doch die Gefährdung der Patientenversorgung rechtfertige ein Einschreiten.
Die Aktionstage haben ein grundlegendes Problem offengelegt: "Die von den Kassen beschworenen anderen Fahrdienste, die gibt es einfach nicht", stellt Weiß klar. Während die Tarifverhandlungen weiterhin festgefahren sind, bleiben Patienten wie Gabriele Seliger in einer prekären Schwebe zwischen lebensnotwendiger Behandlung und ungewissen Transportmöglichkeiten.



