Persönliche Erinnerungen an Opas Dialyse-Fahrten
Mein Großvater mütterlicherseits war Mitte siebzig, als die Ärzte bei ihm Nierenkrebs diagnostizierten. Plötzlich verwandelte sich der fleißige Sägewerkarbeiter mit Haus, Hof und Viehbestand in einen schwer erkrankten Mann, der mit der neuen Realität kämpfen musste. Die Diagnose veränderte alles von einem Tag auf den anderen und warf die gesamte Familie aus der Bahn.
Zwei Jahre des langsamen Abschieds
Zuerst folgten Chemotherapien und Operationen, dann kam die dreimal wöchentliche Dialyse hinzu. Wir konnten förmlich zusehen, wie sich mein Opa unter schlimmsten Schmerzen und mit furchtbarem Leiden langsam aus dem Leben verabschiedete. Ein Fels in der Brandung war damals meine Großmutter, die sich entgegen aller Ratschläge entschied, ihn zu Hause zu pflegen. Mit der Unterstützung meines Onkels und seiner Frau ermöglichte sie ihrem Ehemann noch zwei weitere Jahre im Kreise seiner Familie.
Der unvergessliche Dialyse-Fahrer
Förmlich zur Familie gehörte ab diesem Zeitpunkt sein regelmäßiger Dialyse-Fahrer. Ich glaube, er hieß Heinz oder Helmut, irgendetwas mit H - es ist ja schon so lange her. In bleibender Erinnerung ist mir jedoch die Sanftmut dieses Chauffeurs und dessen unerschütterlicher Optimismus geblieben. Egal, wie schlecht es meinem Großvater morgens bei der Abholung für die Fahrt ins Krankenhaus ging, H. gab stets sein Bestes, ihn aufzumuntern und ihm Mut zuzusprechen.
Er bemutterte ihn während der gesamten Fahrt, hielt regelmäßig an, wenn mein Opa aufgrund von Übelkeit brechen musste oder dringend frische Luft schnappen wollte. Mein Großvater vertrug die Dialyse-Behandlungen nur sehr schlecht. Die fast einstündigen Touren in die Klinik schlauchten ihn extrem und hinterließen ihn regelmäßig völlig erschöpft. Diese Fahrten waren nicht nur Transport, sondern wurden zu wichtigen Momenten der menschlichen Zuwendung in einer schwierigen Lebensphase.
Aktuelle Eskalation des Taxi-Streits in Mecklenburg-Vorpommern
Wieder eingefallen ist mir diese persönliche Geschichte, als ich in der Presse vom aktuellen Streit der Krankenkassen mit der Taxibranche las. Patienten in Brandenburg werden derzeit zwar noch auf ärztliche Verordnung zu ambulanten Chemotherapien, Bestrahlungen und anderen medizinischen Behandlungen gefahren, jedoch gab es auch hier bereits intensive und schwierige Verhandlungen über die Vertragsbedingungen.
In Mecklenburg-Vorpommern ist der Disput um die sogenannten Transportscheine indes vollständig eskaliert. Weil sich das Taxigewerbe und die Krankenkassen nicht auf angemessene Konditionen einigen konnten, soll es dort ab April zu massiven Einschränkungen bei der medizinisch notwendigen Beförderung von Patienten kommen. Diese Entwicklung betrifft insbesondere chronisch kranke Menschen, die regelmäßig zu Behandlungen wie Dialyse transportiert werden müssen.
Unvorstellbare Belastungen für Betroffene
Es ist schlichtweg unvorstellbar, welche zusätzlichen Sorgen und Ängste diese Situation den direkt Betroffenen und ihren Familien beschert. Nicht genug damit, dass sie bereits um ihre Gesundheit und ihr Leben bangen müssen, kommen jetzt auch noch existenzielle finanzielle Ängste und organisatorische Probleme hinzu. Die Unsicherheit über die regelmäßige Erreichbarkeit lebenswichtiger medizinischer Behandlungen stellt eine unzumutbare Belastung dar.
Meine Großmutter hat nach dem Tod meines Opas oft gesagt: „Wie gut, dass mein Werner das nicht mehr miterleben muss“ - immer dann, wenn sie die Entwicklungen in der Welt nicht mehr verstand. Ende März 2026 wäre dieser charakteristische Spruch meiner Oma mit Sicherheit wieder gefallen. Ich kann nur sagen: Was für ein beschämendes Armutszeugnis für unser Land!
Kontraste im System
Ein paar Etagen höher in der politischen Hierarchie verfügt die Prominenz sogar über eigene Chauffeure und Dienstwagen - darüber wird in der Öffentlichkeit erstaunlich wenig diskutiert. Ebenso wenig wie über die Tatsache, dass sogenannte Sondervermögen mitunter verschleudert werden oder dass die Top-10-Kassenchefs im Jahr 2025 jeweils Gesamtbezüge von über 280.000 Euro erhielten, fünf davon sogar von über 300.000 Euro.
Mein eigener Großvater erhielt damals für seine schwere körperliche Arbeit im Sägewerk lediglich 800 D-Mark. Dieser Kontrast zwischen den Gehältern der Verantwortlichen und den realen Bedürfnissen der Patienten offenbart grundlegende Probleme in unserem Gesundheitssystem. Die aktuelle Taxi-Debatte ist dabei nur ein Symptom tieferliegender struktureller Schwierigkeiten.



