Masernlage in Europa entspannt sich – Nordamerika vor Fußball-WM im Fokus der WHO
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verzeichnet für das Jahr 2025 einen erfreulichen Rückgang der Masernfälle in Europa und Zentralasien. Nach den Rekordzahlen des Vorjahres sank die Zahl der gemeldeten Infektionen in der WHO-Europaregion, die 53 Länder von der Atlantikküste bis nach Turkmenistan umfasst, um bemerkenswerte 75 Prozent. Dennoch bleibt die globale Gesundheitsbehörde besorgt, denn ausgerechnet in den drei Gastgeberländern der bevorstehenden Fußballweltmeisterschaft – Mexiko, den USA und Kanada – steigen die Fallzahlen alarmierend an.
Deutlicher Rückgang nach Rekordjahr 2024
Im vergangenen Jahr wurden in der gesamten Europaregion fast 34.000 Masernfälle gemeldet. Dieser Wert stellt einen massiven Einbruch gegenüber den etwa 127.000 Infektionen im Rekordjahr 2024 dar. Experten führen diese positive Entwicklung auf gezielte Bekämpfungsmaßnahmen zurück. Zudem hat sich das Virus in Teilen der ungeimpften Bevölkerung ausgebreitet, was zu einer natürlichen Immunisierung bei Überlebenden der Infektion geführt hat. Wer einmal an Masern erkrankt ist, genießt einen lebenslangen Schutz vor einer erneuten Ansteckung.
Auch in Deutschland spiegelt sich dieser Trend wider. Das Robert Koch-Institut (RKI) meldet für 2025 lediglich 232 Fälle, was einer Inzidenz von 0,28 pro 100.000 Einwohnern entspricht. Damit liegt die Zahl deutlich unter den 645 gemeldeten Fällen aus dem Jahr 2024. In den ersten Wochen des Jahres 2026 setzt sich dieser rückläufige Trend vorläufig fort, wobei Nachmeldungen noch möglich sind.
Das Ziel: Eine 95-Prozent-Impfquote
Trotz des aktuellen Erfolgs warnt die WHO gemeinsam mit UNICEF nachdrücklich vor anhaltenden Risiken für größere Ausbrüche. Das erklärte Ziel bleibt eine stabile Impfquote von 95 Prozent in allen Bevölkerungsgruppen. Nur so könne die Verbreitung des hochansteckenden Virus nachhaltig unterbrochen werden. Die WHO betont, dass eine infizierte Person im Durchschnitt bis zu 18 nicht geimpfte Menschen anstecken kann.
Die Situation in Deutschland zeigt, dass dieses Ziel noch nicht flächendeckend erreicht ist. Zwar bricht die hohe allgemeine Impfrate Infektionsketten meist schnell ab, doch die von der WHO empfohlene Durchimpfungsrate von 95 Prozent für die zweimalige Masernimpfung wird hierzulande nicht erreicht. Dorothea Matysiak-Klose vom RKI-Fachgebiet Impfprävention weist darauf hin, dass die von der Ständigen Impfkommission (Stiko) empfohlenen zwei MMR-Impfungen (Masern, Mumps, Röteln) oft zu spät erfolgen. Die Quote für die erste Impfung liege bundesweit erst bei Kindern im Alter von drei Jahren über 95 Prozent.
Schwere gesundheitliche Folgen einer Maserninfektion
Die Dringlichkeit einer hohen Impfquote wird durch die potenziell schwerwiegenden Folgen einer Masernerkrankung unterstrichen:
- Das Immunsystem bleibt für etwa sechs Wochen nach der Infektion geschwächt, was den Körper anfällig für weitere Erkrankungen wie Mittelohr- oder Lungenentzündungen macht.
- Bei einer von 1.000 Masernfällen kommt es zu einer postinfektiösen Enzephalitis, einer akuten Gehirnentzündung. 10 bis 20 Prozent der Patienten sterben daran, bei weiteren 20 bis 30 Prozent bleiben dauerhafte Schäden.
- Selbst Jahre nach einer Infektion kann die sehr seltene, aber immer tödlich verlaufende „subakute sklerosierende Panenzephalitis“ (SSPE) auftreten. Bei Kindern, die im Säuglingsalter erkranken, betrifft dies etwa eines von 5.000.
Mehrere Länder, die von der WHO bereits als masernfrei zertifiziert waren, haben diesen Status nach großen Ausbrüchen wieder verloren, darunter Spanien, Großbritannien und Österreich. Deutschland hat diesen Status nie offiziell erreicht.
Besorgniserregende Lage in Nordamerika vor der Fußball-WM
Während sich die Lage in Europa verbessert, bereitet die Entwicklung in Nordamerika der WHO größte Sorgen – und das nur wenige Monate vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft in Kanada, Mexiko und den USA. Das globale Sportereignis wird Hunderttausende Menschen aus aller Welt anziehen und birgt somit ein erhebliches Risiko für die internationale Verbreitung des Virus.
Die aktuellen Zahlen sind alarmierend:
- In Mexiko wurden von Anfang 2025 bis Mitte Januar 2026 mehr als 7.000 Fälle erfasst, mindestens 28 Menschen starben. In einigen Regionen wurde bereits die Maskenpflicht an Schulen wieder eingeführt.
- Kanada verzeichnete bisher über 5.500 Erkrankungen und zwei Todesfälle.
- In den USA sind mehr als 2.400 Menschen erkrankt, drei von ihnen starben.
Experten wie der US-Spezialist für Infektionskrankheiten, Demetre Daskalakis, warnen, dass die USA ihren WHO-Status als masernfrei verlieren könnten, wenn das Land nicht nachweisen kann, Ausbrüche schnell einzudämmen. Diese Besorgnis wird durch die impfkritische Haltung von US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. noch verstärkt. Sein Amtskollege Mehmet Oz, Leiter der Centers for Medicare and Medicaid Services (CMS), appellierte daher eindringlich an die Bevölkerung: „Bitte lassen Sie sich impfen. Wir haben eine Lösung für unser Problem.“
Die WHO betont, dass die Schwankungen der Masernfälle von Jahr zu Jahr und von Land zu Land enorm sein können. Während die Zahlen in Rumänien, Kasachstan oder Aserbaidschan um über 90 Prozent fielen, stiegen sie in Frankreich und den Niederlanden leicht an. Die Geschichte zeigt, dass ohne eine konsequente und flächendeckende Impfstrategie jeder Erfolg nur von kurzer Dauer sein kann.



