Neubrandenburger Chefarzt warnt: Psychische Belastungen bei Kindern bleiben auf hohem Niveau
Chefarzt: Psychische Belastungen bei Kindern bleiben hoch

Psychische Belastungen bei Kindern und Jugendlichen bleiben alarmierend hoch

Nach der Isolation während der Pandemie ist der psychische Druck auf Kinder und Jugendliche nicht geringer geworden. Immer mehr Teenager leiden unter Angststörungen, Depressionen und Essstörungen. Dr. Sven Armbrust, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg, spricht von einem besorgniserregenden Dauerphänomen in der Region.

Der lange Schatten der Pandemie

Der Mediziner sieht in seiner täglichen Arbeit, was eine aktuelle Studie der DAK-Gesundheit für ganz Mecklenburg-Vorpommern belegt: Die psychischen Belastungen junger Menschen haben sich nach der Pandemie auf hohem Niveau festgesetzt – eine Besserung ist vorerst nicht in Sicht. Die DAK hat ihren aktualisierten Kinder- und Jugendreport für MV vorgestellt, basierend auf Abrechnungsdaten von rund 24.000 DAK-versicherten Kindern und Jugendlichen aus sechs Jahren.

Besonders betroffen sind Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren, die von Angststörungen, Depressionen und Essstörungen überproportional stark betroffen sind. Armbrust beschreibt, wie Kinder und Jugendliche mit psychischen Problemen in seiner Klinik ankommen: oft zurückgezogen, introvertiert, häufig mit körperlichen Beschwerden wie Bauchschmerzen, hinter denen sich seelische Not verbirgt.

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Essstörungen entwickeln sich zum Dauerproblem

Die Klinik beschäftigt eine eigene Kinderpsychologin für diese Fälle. Für Mädchen mit Essstörungen hat sich das Bild in den vergangenen Jahren dramatisch verändert. Was früher Einzelfälle gewesen seien, habe sich zu einem ernsthaften Dauerproblem entwickelt, betont Armbrust. Betroffene kämen teilweise mit kritischem Gewicht und ersten körperlichen Folgeschäden in die Klinik.

Zunächst müsse der Körper stabilisiert werden, bevor eine psychotherapeutische Behandlung überhaupt beginnen könne. Doch dann beginnt das frustrierende Warten: Freie Therapieplätze in spezialisierten Einrichtungen zu ergattern, dauere oft Wochen, wenn nicht Monate. Der Bedarf übersteige das Angebot deutlich, was die Situation zusätzlich verschärft.

Medikamente nicht als erste Lösung

Der Chefarzt warnt ausdrücklich vor einem zu schnellen Griff zu Medikamenten. Antidepressiva könnten im Verlauf notwendig sein, sollten aber nicht der erste Schritt sein. Was ihn besonders besorge, sei, wie häufig solche Mittel bei Jugendlichen verschrieben würden, ohne dass eine gründliche Diagnose oder weitere therapeutische Schritte vorausgegangen seien.

Als Hauptauslöser für diese besorgniserregende Entwicklung benennt Armbrust vor allem die Pandemiemaßnahmen – Einschränkungen und Regeln, die er für Kinder als „völlig unnötig“ bezeichnet hat. Jugendliche seien von ihrer sogenannten Peergroup, also Freunden und Schulkameraden, getrennt worden, hätten den Austausch mit Gleichaltrigen verloren und seien mit dem Gefühl belastet worden, für die Erkrankung oder den Tod ihrer Großeltern mitverantwortlich zu sein.

Schule als Zufluchtsort und strukturelle Probleme

Manche Kinder hätten zudem in dieser Zeit häusliche Gewalt erlebt. Nach dem Ende der Pandemie sei deutlich geworden, dass die Schule für einen Teil der Kinder an der Seenplatte der einzige Ort gewesen sei, an dem sie Zuwendung und Anerkennung erfahren hätten. Die Folgen dieser Zeit seien noch immer deutlich spürbar, schätzt der Chefarzt ein.

Auch die aktuelle Weltlage sorge für Verunsicherung: Krisen wie der Krieg in der Ukraine oder der Konflikt im Nahen Osten erreichten die Kinder zwar nicht direkt, aber über die Erwachsenen in ihrem Umfeld. „Anstatt dass wir die Kinder stärken und bestärken, erlebe ich es leider oft, dass sie direkt oder indirekt miterleben, wie immer ein neuer Krisenmodus eröffnet und fortgeführt wird“, so Armbrust.

Den Druck in den Schulen benennt der Mediziner als weiteren wichtigen Faktor – weniger durch Leistungsanforderungen als durch strukturelle Mängel: zu große Klassen, zu wenig individuelle Begleitung. Gerade hier sieht der Chefarzt jedoch eine Chance: Sinkende Schülerzahlen durch die demografische Entwicklung in der Region könnten genutzt werden, um Klassen zu verkleinern und individueller auf die Kinder einzugehen.

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Forderungen und konkrete Lösungsansätze

DAK-Landeschef Andreas Mirwald will die Studienergebnisse als Weckruf verstanden wissen. Psychische Erkrankungen im Jugendalter würden oft bis ins Erwachsenenleben nachwirken und Familien wie Arbeitsleben belasten. Er fordert eine Offensive für die mentale Gesundheit junger Menschen in Mecklenburg-Vorpommern.

Felix Wizowsky, Vorsitzender des Landesschülerrates MV, beschreibt die Lage aus Schülersicht: Er spricht von hohem Druck, großen Erwartungen und zu wenig Unterstützung. Er setzt sich für Gesundheitsbildung als Pflichtbestandteil des Stundenplans ein – verbunden mit mehr Schulsozialarbeit und niedrigschwelliger Beratung direkt vor Ort.

Armbrust formuliert konkrete Ideen für die Praxis:

  • 15 Minuten gemeinsamer Frühsport jeden Morgen in Kita und Schule
  • Gemeinsames Frühstück im Anschluss
  • Aufbau einer speziellen Sprechstunde für stark übergewichtige Kinder
  • Entwicklung eines regionalen Netzwerks zur besseren Begleitung

Diese kleinen Schritte könnten Kindern Freude an Bewegung und Essen vermitteln – und damit präventiv wirken, bevor ernsthafte Probleme entstehen. Eine erschreckende Tendenz zeigt sich bereits im Kita-Alter: Immer häufiger wird bei Kindern in der Region Adipositas festgestellt.

Prävention beginnt im Elternhaus

Den Kern der Prävention sieht Armbrust jedoch im Elternhaus. Kinder bräuchten von Anfang an eine verlässliche Bindung, Vertrauen, Liebe und Orientierung. Das gelte auch für Jugendliche, die äußerlich schon groß wirkten. „Nicht selten erlebe ich, dass Eltern meinen, nur weil das Kind groß gewachsen und 14 Jahre alt ist, dass es erwachsen sei. Mitnichten ist es so“, warnt der Chefarzt.

Bei der Frage, ob er der kommenden Generation mit Hoffnung oder Sorge entgegensehe, ist Armbrust zwiegespalten. Er glaube an die Anpassungsfähigkeit junger Menschen. Und er hoffe, dass es gerade im ländlicheren Raum rund um die Seenplatte gelingen werde, die sozialen Strukturen zu erhalten, die Kindern Halt gäben. „Dazu bedarf es entsprechender Rahmenbedingungen, aber natürlich auch des Engagements eines jeden Einzelnen“, betont der erfahrene Mediziner abschließend.