Immunzelltherapie bewirkt unerwartete Krebsheilung bei 17-Jährigem
Nach einem zehnjährigen, erbitterten Kampf gegen den Krebs lautete die Diagnose für den damals 17-jährigen Mailo aus Thüringen Anfang 2025: austherapiert. Die Ärzte gaben dem Jugendlichen nur noch drei Monate. Doch dann wagten Mediziner am Hopp-Kindertumorzentrum Heidelberg (KiTZ) einen letzten, experimentellen Versuch mit einer bis dahin bei Kindern nicht erprobten Methode – mit sensationellem Erfolg.
Ein Jahrzehnt des Kampfes gegen den Krebs
Was bei Mailo im Alter von sieben Jahren als harmlose Beule begann, entpuppte sich als bösartiger Nierentumor. Nach der operativen Entfernung folgten Chemotherapien. Zwei Jahre später wurden erste Metastasen entdeckt, und der Krebs breitete sich unaufhaltsam aus. Am Ende befanden sich Tumore auf Leber und Milz, in der Lunge und sogar im Gehirn des passionierte Downhill-Bikers, der gerade die mittlere Reife abgeschlossen hatte.
„Ich habe mich gefragt, ob es ethisch vertretbar ist, hier noch Hoffnung zu machen“, erinnert sich Christian Seitz, Oberarzt und Ärztlicher Leiter Zell- und Gentherapie am KiTZ. Die Mutter des Jugendlichen hatte sich verzweifelt gemeldet und gefragt: „Kann man nicht noch irgendetwas tun?“ Der erste Reflex der Ärzte war, dass es nichts mehr zu tun gebe. Doch dann entdeckten sie bei der genaueren Untersuchung von Mailos Tumorzellen eine entscheidende Besonderheit.
Die Entdeckung des PRAME-Eiweißmoleküls
Alle Krebszellen des Jugendlichen produzierten ein spezifisches Eiweißmolekül namens PRAME. Diese Entdeckung eröffnete eine unerwartete Möglichkeit: eine Immunzelltherapie, die bis dahin bei Kindern mit soliden Tumoren noch nie angewendet worden war. „Die Idee ist, das körpereigene Immunsystem gegen die Tumorzellen scharf zu schalten“, erklärt Seitz das Prinzip.
Bei dieser innovativen Methode werden Abwehrzellen des Immunsystems, sogenannte T-Zellen, gentechnisch so verändert, dass sie Tumorzellen gezielt erkennen und attackieren können. Mittels eines Virus wird den aus dem Blut des Patienten gewonnenen Zellen ein genetischer Bauplan eingeschleust, der sie auf die spezifischen PRAME-Eiweißstoffe des Tumors programmiert.
Absolutes Neuland in der Kinderonkologie
Bevor die Behandlung überhaupt beginnen konnte, mussten die Ärzte am KiTZ eine Genehmigung für einen Einzelheilversuch bei den zuständigen Behörden einholen. Denn nie zuvor war ein Kind oder Jugendlicher mit einem soliden Tumor auf diese Weise behandelt worden. Während es bereits zugelassene Immuntherapien für Erwachsene gibt, stehen für Kinder nur wenige Optionen zur Verfügung, die zudem auf bestimmte Krebsarten beschränkt sind.
Im Juni 2025 reiste Mailo von Thüringen nach Heidelberg in die Kinderklinik des Universitätsklinikums. Die Immuntherapie blieb als einzige, letzte Chance für den Jugendlichen, der gesagt hatte: „Ich will das Jahr 2026 unbedingt erreichen.“ Am 2. Juli 2025 erhielt er die veränderten Immunzellen über eine Infusion auf der Intensivstation, wo man auf alle Eventualitäten vorbereitet war.
Explosionsartige Vermehrung und schneller Erfolg
Drei Tage nach der Behandlung befiel Mailo ein heftiges Fieber – ein Zeichen dafür, dass sich die programmierten T-Zellen explosionsartig vermehrten und ihre Attacke starteten. Die Ergebnisse übertrafen alle Erwartungen: Bereits zwölf Tage nach der Zellgabe waren die ersten Tumorherde im MRT nicht mehr zu erkennen. Nach 120 Tagen konnte laut Seitz kein lebendes Tumorgewebe mehr nachgewiesen werden, auch im Blut fanden sich keine Tumorzellen mehr.
„Nüchtern betrachtet war das nicht zu erwarten“, sagt der Arzt über den spektakulären Behandlungserfolg. Der Jugendliche, der auf einem Foto im Krankenhaus noch sehr schmächtig wirkt, trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift: „It's a hill. Get over it. And back down“ – ein passendes Motto für seinen Kampf.
Neue Lebensperspektiven und klinische Studie
Bereits kurz nach der Immuntherapie begann Mailo wieder mit dem Training auf dem Königstuhl. Sein Ziel steht fest: „Ich wollte zurück aufs Rad“, sagt der passionierte Downhill-Biker, der bereits an etlichen Wettbewerben teilgenommen hat. Jetzt will er sein Abitur nachholen und anschließend Medizin in Heidelberg studieren, um selbst Arzt zu werden.
Am KiTZ laufen derweil die Vorbereitungen für eine klinische Studie, die den Nachweis erbringen soll, dass Mailos Fall kein Einzelfall war. 15 bis 18 junge Krebspatienten sollen in die Studie eingeschlossen werden. Seitz drängt zur Eile: „Diese Kinder können nicht warten, die brauchen neue, wirksame Therapien.“ Die Behandlungsoptionen speziell für krebskranke Kinder nach einem Rückfall sind nach wie vor begrenzt, was die Bedeutung dieser vielversprechenden Therapieform unterstreicht.



