Archäologen lieben den Griff ins Klo. Auf dem Grund einstiger Latrinen und Kloaken finden sie nicht nur organische Überreste von Kot und Essen, die über Ernährungsgewohnheiten und Krankheiten früherer Menschen Aufschluss geben. Wissenschaftler legen dort auch immer wieder Alltagsobjekte frei, die mehrere Hundert Jahre alt sind und wegen des meist feuchten und luftdichten Umgebungsmilieus großartig erhalten blieben. In Paderborn entdeckte ein Grabungsteam nun im ehemaligen Abort eines Hauses ein Notizbuch, das aus dem 13. oder 14. Jahrhundert stammt. Das Dokument wurde bereits vollständig von Fäkal- und anderen Resten befreit, doch es gelang noch nicht, die in krakeliger Schrift und wohl vor allem auf Latein verfassten Texte zu entziffern. Das soll sich in den kommenden Monaten ändern, denn mehrere Experten und Expertinnen werden sich über das Fundstück beugen.
Einzigartiger Fund in Paderborn
Das Büchlein aus dem Mittelalter ist bisher das einzige seiner Art und umfasst zehn Seiten, die in etwa die Größe von Spielkarten haben. Dabei handelt es sich um Holzrahmen, in die eine dünne Wachsschicht gefüllt wurde. So konnten bei Bedarf Notizen weggewischt und mit einem Griffel wieder neue hineingeritzt werden – wie bei Zaubertafeln, die es heute noch für Kinder gibt. Die Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) sind begeistert von dem Fund, der nicht nur aufgrund seines Alters, sondern auch wegen seines Erhaltungszustands außergewöhnlich ist. Die feuchte Umgebung der Latrine hat das Wachs und das Holz vor dem Zerfall bewahrt.
Die Entzifferung der Geheimnisse
Ein Team aus Historikern, Paläografen und Restauratoren arbeitet nun daran, die schwer lesbaren Inschriften zu übersetzen. Erste Analysen deuten darauf hin, dass es sich um lateinische Texte handelt, möglicherweise mit persönlichen Notizen oder sogar literarischen Fragmenten. Die Forscher hoffen, durch die Entzifferung einen Einblick in das Leben und Denken der Menschen im mittelalterlichen Paderborn zu gewinnen. Die Arbeit ist jedoch mühsam, da die Schrift aufgrund der Wachsoberfläche und der jahrhundertelangen Lagerung stark verblasst ist. Moderne Bildgebungsverfahren wie die Multispektralfotografie könnten helfen, die Konturen der Buchstaben sichtbar zu machen.
Der Fund wirft auch Fragen auf: Warum wurde das wertvolle Notizbuch in die Latrine geworfen? Handelte es sich um eine bewusste Entsorgung oder ist es versehentlich hineingefallen? Und welche Bedeutung hatten die Aufzeichnungen für den Besitzer? Die Antworten könnten nicht nur die Archäologie, sondern auch die Kulturgeschichte bereichern. Bis dahin bleibt das Büchlein ein rätselhafter Schatz aus einer Zeit, in der selbst die stillsten Örtchen noch Geheimnisse bargen.



