Emerald Fennells sinnliche Interpretation von „Sturmhöhe“
Nach ihrem gefeierten Spielfilmdebüt „Promising Young Woman“ und dem kontroversen Erfolg von „Saltburn“ wagt sich die britische Filmemacherin Emerald Fennell an einen der größten Klassiker der britischen Literatur. Ihre Adaption von Emily Brontës „Wuthering Heights“ – in Deutschland als „Sturmhöhe“ bekannt – ist keine traditionelle Verfilmung, sondern eine persönliche, emotionale Reaktion auf den Roman, den Fennell bereits als Teenagerin für sich entdeckte.
Eine emotionale Reaktion statt Vorlagentreue
„Ich habe versucht, eine Welt zu erschaffen, die sich anfühlt wie die erste Begegnung eines Teenagermädchens mit einem großen Kunstwerk, eine Art emotionales Erlebnis“, erklärt Fennell im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur in London. Die 40-jährige Regisseurin, die nach eigenen Angaben sämtliche Filmadaptionen des 1847 veröffentlichten Romans kennt, näherte sich dem Stoff auf ungewöhnliche Weise.
Bevor sie das Buch erneut las, notierte sie zunächst alles, was sie aus ihrer Erinnerung an Brontës Werk behalten hatte. „Dabei stellte sich heraus, dass vieles, was ich als Teil des Buches in Erinnerung hatte, in Wirklichkeit Wunschdenken war“, gesteht Fennell. „Oder ich hatte etwas zwischen den Zeilen gelesen, etwas missverstanden oder übersehen. Und dann habe ich mir überlegt, welche Fantasieelemente aus meiner Vorstellung ich behalten wollte.“
Entsprechend erhebt ihr Film keinerlei Anspruch auf literarische Treue. „Ich wollte probieren, ob ich eine Adaption schaffen könnte, die eher eine emotionale Reaktion darauf ist als eine wörtliche Umsetzung“, betont die Filmemacherin. Dennoch bewahrt sie viele Originaldialoge, da sie Brontës Sprache für unübertroffen hält: „Selbst wenn man nur ein Wort ändert, hat das eine Wirkung.“
Margot Robbie und Jacob Elordi als tragisches Liebespaar
In der langen Reihe berühmter Darstellerpaare, die bereits Cathy und Heathcliff verkörperten – von Merle Oberon und Laurence Olivier bis zu Juliette Binoche und Ralph Fiennes – übernehmen nun zwei australische Stars die Rollen: Margot Robbie, bekannt aus „Barbie“, und Jacob Elordi, der bereits in Fennells „Saltburn“ zu sehen war.
„Ich finde, es ist eine der größten Liebesgeschichten aller Zeiten – und natürlich ist das subjektiv“, sagt Robbie im dpa-Interview. „Ich liebe diese Geschichte. Ich liebe das Buch, und es hat einfach etwas Zeitloses. Es wurde vor fast 200 Jahren geschrieben, unzählige Male adaptiert, und ich glaube, das wird auch so weitergehen.“
Wie die meisten Adaptionen konzentriert sich auch Fennells Version auf die erste Hälfte des Romans, die die unglückliche Liebesgeschichte zwischen Catherine und Heathcliff erzählt. Die Handlung folgt der verwitweten Catherine Earnshaw, deren Vater einen namenlosen Straßenjungen auf dem Anwesen Wuthering Heights aufnimmt. Catherine findet sofort Gefallen an dem Jungen, gibt ihm den Namen Heathcliff und bringt ihm das Sprechen bei.
Von heimlicher Romanze zu toxischer Beziehung
Aus der kindlichen Freundschaft entwickelt sich Jahre später leidenschaftliches Begehren. Als Catherine jedoch ihrer Haushälterin Nelly (Hong Chau) anvertraut, dass sie eine Hochzeit mit Heathcliff wegen seines niedrigen Status für unmöglich hält – ohne zu erwähnen, dass sie ihn liebt – verlässt Heathcliff über Nacht Wuthering Heights. Catherine heiratet stattdessen den wohlhabenden Edgar Linton (Shazad Latif).
Als Heathcliff Jahre später als reicher Mann und neuer Besitzer von Wuthering Heights zurückkehrt, flammt die Begierde zwischen den beiden erneut auf. Doch für Cathy und Heathcliff gibt es keine gemeinsame Zukunft. Aus der heimlichen Romanze entwickelt sich eine zunehmend toxische Beziehung, die ihr gesamtes Umfeld in Mitleidenschaft zieht.
Ein visuell spektakuläres Sinneserlebnis
„Im Grunde wollte ich nach 'Saltburn' etwas machen, das sowohl emotional als auch körperlich berührt“, erklärt Fennell ihre Herangehensweise. „Ich habe immer wieder an das erste Werk zurückgedacht, das genauso ein Gefühl in mir ausgelöst hat. Und das war dieses Buch.“
Der visuell beeindruckende Film profitiert von der Arbeit des Kameramanns Linus Sandgren („La La Land“, „James Bond 007 - Keine Zeit zu sterben“). Die kräftigen, leuchtenden Farben der Kostüme und Studiokulissen stehen in starkem Kontrast zu den dramatischen, düsteren Landschaftsbildern aus dem stürmischen West Yorkshire.
Der Film ist durch und durch sexuell aufgeladen. Fennell zeigt explizite Szenen von Selbstbefriedigung, Sex mit Pferdegeschirr und schwitzige Körper in sinnlicher Nähe. Reichlich schlüpfrige Symbolik – darunter platzende Eier, Finger im glibbrigen Dotter und schleimige Schnecken – unterstreichen die sinnliche Atmosphäre.
Mitreißender Soundtrack von Charli XCX
Den Soundtrack für dieses voyeuristische Spektakel der Sinne lieferte die britische Sängerin und Songwriterin Charli XCX. „Sie ist ein Genie, eine Poetin“, schwärmt Fennell über die Zusammenarbeit. Der Soundtrack präsentiert sich als mitreißende, Oscar-verdächtige Mischung aus eingängigen Popmelodien und dramatischen Streicherarrangements. Im Abspann werden nicht weniger als 13 Cello-Spieler genannt.
In manchen Momenten wirkt „Wuthering Heights“ wie ein stylishes Musikvideo, während die zweite Hälfte des 135-minütigen Films stellenweise etwas langsam und zäh erscheint. Dennoch überzeugen die prächtigen Bilder und die erstklassige Besetzung bis in die kleinsten Rollen. Besonders Jacob Elordi glänzt als gleichermaßen liebestoller wie rücksichtsloser Heathcliff.
Literaturpuristen werden an dieser freien Interpretation vermutlich Anstoß nehmen, während Fennell-Fans begeistert sein dürften. In jedem Fall bietet Emerald Fennells „Wuthering Heights“ ein intensives, sinnliches Kino-Erlebnis, das die emotionale Kraft von Brontës Klassiker auf ungewöhnliche Weise neu interpretiert.



