Sagenhaftes Ballett in Schwerin: Petermännchen-Legende erwacht im Tanz
Im Interims-Zelt des Schweriner Staatstheaters erwacht eine alte Legende zu neuem Leben: Die Ballett-Company interpretiert die Sage vom Petermännchen, jenem Kobold, der im Keller des Schweriner Schlosses hausen soll. Unter dem Titel „Quid si sic“ – lateinisch für „Was wäre, wenn?“ – entfaltet sich ein hybrides Erzähl-Ballett, das das Premieren-Publikum mit lauter Zustimmung und langem Applaus quittierte.
Eine Legende wird tänzerische Realität
Der brasilianische Ballett-Chef Jonathan dos Santos bringt norddeutsche Spökenkiekerei mit seinem temperamentvollen Stil zusammen. Olaf Meißner als Stimme aus dem Off erklärt die kleinen Begebenheiten um das Petermännchen, während Matteo Thiele dieser Stimme Gestalt verleiht – als stumm-nostalgischer Erzähler mit Zaubergesten und geheimnisvollen Posen. Um den Schlossgeist, der Gutes belohnt und Böses bestraft, dreht sich ein buntes Figurenkarussell aus Wachsoldaten, Stallmännern, Beamten, Köchinnen, Mägden und diversen Damen.
Klassisches Vokabular trifft zeitgenössische Choreografie
Dos Santos nutzt das gemessene klassische Vokabular mit Arabesques und Grand Jetés als Hauptsätze, greift aber auch ins Repertoire zeitgenössischer Choreografie. Im mobilen Bühnenkeller von Thomas Mika entfaltet sich eine spielerisch ermunterte Legende mit naivem Vergnügen und humaner Bedeutung. Matteo Andrioli huscht als Petermännchen durch die Mär, flattert und stolziert, während er im Liebes-Duett mit Inés Esteve ein ästhetisches Adagio aus dem Klassik-Archiv zelebriert.
Exzessive Körperlichkeit und witzige Phantasiekostüme
Das Ensemble, von Silke von Patay mit witzigen Phantasiekostümen ausgestattet, demonstriert enorme Power. Klaudie Lakomá glänzt als Köchin mit Fouettés, Ares Caudillo Adán präsentiert ein klassisches Solo als Wachsoldat, und Anna Korostelova verformt sich als betrunkener Soldat. In den bösen Geschehnissen erinnern Inés Esteve und Eliza Kalcheva mit David Serrano stringent an das „Me too“ der Gegenwart.
Eigens komponierte Musik als Impulsgeber
Leon Gurvitch, Komponist, Pianist und Dirigent, hat die Musik eigens für „Quid si sic“ komponiert und dirigierte bei der Uraufführung die Mecklenburgische Staatskapelle. Seine Komposition bringt mit Klangfarben, wechselnden Rhythmen, dröhnendem Blech und Orchesterschlägen nicht nur Stimmungen zum Klingen, sondern trägt als Ballett-Musik elementar den Tanz und wirkt als kraftvoller Impulsgeber.
Phantasie und verkappte Wahrheit
Dos Santos führt mit seiner getanzten Erzählung Phantasie und verkappte Wahrheit vor Augen, die in jedem Märchen stecken, und belebt die Überlieferung mit Hoffnung. „Ein bisschen mehr träumen, dann wäre die Welt vielleicht heller“, sinniert der Erzähler. Quid si sic? Was wäre, wenn? Die Antwort gab das Premieren-Publikum mit lautem Beifall und anhaltender Zustimmung zu dieser einzigartigen Ballett-Inszenierung in Schwerin.



