Küstenfischerei als Kulturerbe anerkannt: Tradition unter wirtschaftlichem Druck
Küstenfischerei als Kulturerbe anerkannt

Küstenfischerei als Kulturerbe anerkannt: Tradition unter wirtschaftlichem Druck

Die traditionelle Küstenfischerei an der Ostseeküste und in den Boddengewässern Mecklenburg-Vorpommerns hat eine bedeutende Würdigung erfahren. Sie wurde offiziell in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Diese Ehrung unterstreicht den kulturellen Wert einer Branche, die weit über ihre wirtschaftliche Funktion hinausreicht.

Minister betont kulturelle Bedeutung

Der für Fischerei zuständige Schweriner Landesminister Till Backhaus (SPD) hob anlässlich der Aufnahme die tiefgreifende Bedeutung der Küstenfischerei hervor. „Die Küstenfischerei ist weit mehr als ein Wirtschaftszweig – sie ist Teil unseres kulturellen Erbes und prägt seit Generationen die Identität unserer Küstenregionen“, erklärte Backhaus. Er fügte hinzu: „Dieses Wissen, diese Traditionen und die enge Verbindung von Mensch und Meer zu bewahren, ist für Mecklenburg-Vorpommern von herausragender Bedeutung.“

Dramatischer Rückgang der Fischer

Trotz der kulturellen Anerkennung steht die Branche vor enormen wirtschaftlichen Herausforderungen. Minister Backhaus verwies auf die alarmierenden Zahlen: Von einst mehr als 1.400 Küstenfischern kurz nach der Wiedervereinigung sind heute weniger als 500 übrig geblieben. Diese verteilen sich auf lediglich 144 haupterwerbliche und 132 nebenerwerbliche Betriebe. Die Fanghöchstmengen befinden sich auf einem historisch niedrigen Niveau.

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Die Gründe für diesen Niedergang sind vielfältig:

  • Ehemals wirtschaftlich bedeutende Fischarten wie Hering und Dorsch in der westlichen Ostsee stehen unter massivem Druck
  • Überfischung hat die Bestände stark reduziert
  • Umwelt- und Klimaeinflüsse verschärfen die Situation zusätzlich
  • Viele Arten dürfen nicht mehr oder nur noch in Ausnahmefällen gezielt befischt werden

Weitere neue Einträge ins Kulturerbe-Verzeichnis

Die Küstenfischerei ist nicht der einzige neue Eintrag in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes. Insgesamt wurden fünf weitere Traditionen aufgenommen:

  1. Das Kicken auf dem Bolzplatz als prägende Freizeitaktivität
  2. Das handwerkliche Anfertigen von Herrenbekleidung
  3. Die Martinsumzüge mit Laternen im Rheinland
  4. Die Schaustellerkultur auf Volksfesten

Die Kulturministerkonferenz, Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und die Deutsche Unesco-Kommission gaben diese Erweiterungen gemeinsam bekannt.

Das deutsche Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes

Seit 2003 existiert ein internationales Abkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes der Unesco. Deutschland ist seit 2013 Vertragspartei dieses Abkommens. Das nationale Verzeichnis soll „kreative, inklusive und innovative“ Kulturformen würdigen und dokumentieren.

Es handelt sich dabei nicht um ein direktes Unesco-Verzeichnis, sondern um eine deutsche Initiative. Allerdings können Einträge aus dem nationalen Verzeichnis für eine der drei internationalen Unesco-Listen vorgeschlagen werden. Mit den aktuellen Neuzugängen umfasst das deutsche Verzeichnis nun insgesamt 173 kulturelle Ausdrucksformen.

Die Bandbreite der gelisteten Traditionen ist beeindruckend:

  • Von der Berliner Technokultur
  • Bis zum Bergsteigen in Sachsen
  • Und nun auch die Küstenfischerei in Mecklenburg-Vorpommern

Zwischen kultureller Würdigung und wirtschaftlicher Realität

Die Aufnahme der Küstenfischerei in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes stellt eine wichtige Anerkennung ihrer historischen und kulturellen Bedeutung dar. Sie würdigt das jahrhundertealte Wissen, die handwerklichen Traditionen und die enge Verbindung zwischen Mensch und Meer, die diese Branche charakterisieren.

Gleichzeitig zeigt die aktuelle Situation einen deutlichen Widerspruch auf: Während die kulturelle Bedeutung offiziell gewürdigt wird, kämpft die Branche wirtschaftlich ums Überleben. Die sinkenden Fischerzahlen, reduzierten Fangquoten und ökologischen Herausforderungen stellen die Zukunft dieser traditionellen Küstenfischerei in Frage.

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Die Ehrung als Kulturerbe könnte jedoch neue Impulse für den Erhalt dieser Tradition liefern. Sie lenkt die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Bedeutung der Küstenfischerei und könnte Grundlage für unterstützende Maßnahmen sein, die über rein wirtschaftliche Förderungen hinausgehen.