FC Bayern: Warum Thomas Müller heute kein Thema mehr ist
Es ist fast genau ein Jahr her, da war beim FC Bayern das Ende einer Ära offiziell beschlossene Sache. Anfang April 2025 kündigte Thomas Müller seinen Abschied zum Saisonende an. Mittlerweile ist die Klub-Ikone schon seit rund acht Monaten kein Spieler der Münchner mehr. Über 17 Jahre als Profi prägte der Angreifer den deutschen Rekordmeister auf und neben dem Platz – und das mit seiner ganz speziellen Art.
Glänzende Offensive auch ohne Müller
Doch auch ohne Müller scheinen die Bayern sehr gut zurechtzukommen. Immerhin sind sie drauf und dran, den Bundesliga-Torrekord zu brechen. Und in der Champions League darf sich das Team von Vincent Kompany ernsthafte Chancen auf einen Push in Richtung Endspiel ausrechnen. Dass das Fehlen von Müller, der mittlerweile regelmäßig für die Vancouver Whitecaps in der Major League Soccer auf Torejagd geht, heute kaum mehr Thema ist, ist ein Verdienst von Cheftrainer Kompany.
Die Bayern spielen in diesen Tagen mit einer derartigen positionellen Flexibilität bei eigenem Ballbesitz, dass sie einen „Raumdeuter“ à la Müller als X-Faktor am gegnerischen Strafraum nicht benötigen. Stattdessen ist die offensive Dreierreihe hinter Mittelstürmer Harry Kane stärker denn je darauf ausgerichtet, schnelle Passsequenzen in der gegnerischen Hälfte zu kreieren.
Statistischer Wandel im Spielsystem
Im Vergleich zu den Vorjahren sehen wir weniger Dribblings von den Bayern: Zwischen 2018 und 2024 waren es stets zwischen 12,5 und 14,5 Dribblings pro Spiel, in der laufenden Saison nur 9,3. Schon zu Zeiten von Arjen Robben und Franck Ribéry, in denen auch Müller voll aufblühte, gab es regelmäßig Dribblings – besonders über die Außenbahnen – zu sehen.
Für Spieler wie Michael Olise, Luis Díaz oder Lennart Karl ist der Spielfluss vor und durch die Abwehrlinie hingegen deutlich wichtiger. Und Tiefenläufe, die Müller einst auszeichneten, erfolgen nicht selten von Spielern aus der zweiten Reihe. In dieser Saison ist keiner mehr überrascht, wenn plötzlich Josip Stanisic oder Konrad Laimer hinter der gegnerischen Abwehr auftaucht. Das alles ist ein Resultat von Kompanys Spielsystem.
FC Bayern erzeugt Überraschungseffekte neu
Dass die Bayern im Jahr 2026 – in Relation zur Konkurrenz – so offensivstark wie lange nicht mehr sind, heißt aber nicht, dass dadurch die Leistungen von Müller und einiger seiner Zeitgenossen geschmälert werden. Der FC Bayern war früher nur – die Guardiola-Jahre ausgeklammert – etwas konventioneller in der Ausgestaltung von Angriffen. Die Flügelstürmer kamen über die Flügel, die Sechser über die Mitte und Müller war das freie Radikal.
Seine raumdeutenden Läufe quer durch und hinter die gegnerische Defensive waren zuweilen notwendig, um Konfusion zu stiften oder den entscheidenden Überraschungseffekt zu erzeugen, der ansonsten nicht immer gegeben war. Heute würde der FC Bayern einen Peak-Müller nicht mehr so dringend benötigen wie der FC Bayern vor zehn Jahren.
Kompanys Fußball der Freiheiten
Eine Weile bestanden Zweifel daran, wie denn die Münchner Mannschaft einmal aussehen würde, sollten Thomas Müller und Robert Lewandowski vorne nicht mehr ihr Unwesen treiben. Ähnliche Zweifel wie Jahre zuvor, als Robben und Ribéry das hohe Fußballalter erreichten. Lewandowski wurde durch einen englischen Ausnahmestürmer ersetzt. Und für Müller hat man durch den Zukauf von hoher individueller Klasse – in Form von Olise und Díaz – sowie durch Kompanys generellen Ansatz eine Lösung gefunden.
Bayerns Cheftrainer hält sich mit Aussagen zu seinen taktischen Vorgaben eher zurück – und gestattet damit eine Art fußballerische Anarchie, die auch Müller gefallen hätte. Das zeigt ein Statement vom Januar: „Ich sagte zu den Jungs: ‚Meine einzige Regel ist, dass ihr im Strafraum abschließen müsst!‘ Am Ende ist es egal, was sie vorher machen, die ganzen Zaubertricks, ob mit links oder rechts oder sonst was – Hauptsache, sie schließen im Strafraum ab, um Tore erzielen. Nur so kann man Spiele entscheiden.“
Die Offensive des FC Bayern präsentiert sich somit in neuem Glanz, auch ohne die legendäre Präsenz von Thomas Müller. Das Spielsystem von Vincent Kompany hat sich als äußerst effektiv erwiesen und ermöglicht den Spielern eine kreative Freiheit, die zu überzeugenden Leistungen führt.



