Abschied von Mario Adorf: Leben in Schwabing, letzte Ruhe in Bogenhausen
Abschied von Mario Adorf: Schwabing bis Bogenhausen (13.04.2026)

Persönlicher Abschied von einem Jahrhundertschauspieler

Mario Adorf ist tot – diese Nachricht bewegt die deutsche Kulturszene zutiefst. Ein persönlicher Besuch an seinem Münchner Zuhause in Schwabing und die Erinnerungen an einen der größten deutschen Schauspieler hinterlassen bleibende Eindrücke. Der ehemalige AZ-Chefreporter Tim Pröse, der Adorf ein Jahr lang für seine Biografie begleitete, teilt seine intimen Erinnerungen an einen besonderen Menschen.

Das Münchner Zuhause in Schwabing

Gestern stand ich noch einmal vor seinem stolzen Mietshaus in Schwabing, wo an der Klingel in Messing eingraviert „M.A.“ prangt. Ich strich über das Schild und legte eine Blume auf die Stiegen. Im ersten Stock wohnte er, wenn er in Deutschland war – nicht in seinen anderen Wahlheimaten Paris oder St. Tropez. Immer hatte ich gehofft, wir würden uns noch einmal in seiner deutschen Lieblingsstadt treffen, gleich um die Ecke vom Siegestor, und bei „seinem“ Italiener in seiner Straße Pizza essen.

Nun ist es zu spät. Das Licht im ersten Stock wird nicht mehr auf den Gehsteig fallen. „Mario Adorf. Zugabe!“ – so heißt das Buch, das ich über ihn schreiben durfte, seine letzte Biografie. Dieses Projekt ermöglichte mir, ihn ein ganzes Jahr lang zu begleiten, eine der schönsten Zeiten meines Journalistenlebens.

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Wo alles begann: Die Maximilianstraße

Weil ich heute nicht mehr bei ihm läuten konnte, ging ich stattdessen an den Ort, an dem für ihn alles begann: die legendäre Falckenberg Schule in den Münchner Kammerspielen an der Maximilianstraße. Hier sprach er zum ersten Mal vor und wurde aufgenommen. Immer, wenn ich an diesem Haus vorbeiging, dachte ich an ihn – jenen berühmten Absolventen, der 1953 hier sein Glück suchte, neben Kollegen wie Otto Sander, Joachim Król, Sebastian Koch oder Katja Riemann.

Mario Adorf, der Weltbürger, dessen frischer Geist bis heute durch seine Schwabinger Wohngegend weht. In der Nähe liegt der Geschwister-Scholl-Platz, der an die Heldentaten der Widerstandskämpfer erinnert. Es ist bewegend, dass der Jahrhundertzeuge Adorf ausgerechnet in der Nachbarschaft der Münchner Universität wohnte, wo Hans und Sophie Scholl ihre mutigen Taten wagten. Er stand für das andere München – für das Mutmachende einer Stadt, die einst „Hauptstadt der Bewegung“ war.

Begegnungen in der Wohnung

Wenn ich am Messingklingelschild läutete, knisterte seine Stimme durch die Sprechanlage. Oben angekommen, warf Adorf die Espressomaschine an, aus der eine Wolke herauszischte, die an ein Café aus dem letzten Rom-Urlaub erinnerte. Er legte das passende Gebäck dazu, das nach Amaretto schmeckte und aufs Parkett krümelte.

Jeder seiner Schritte knarrte über das Holz, bis Adorf seine Stimme erhob. Sie füllte die Räume, wenn er eine kleine Geschichte erzählte. Mit ihm redete man nie lange drumherum. Gegenübersitzen war wie im Kino – immer lief irgendwie ein Film ab. Manchmal hörte man ihm so gebannt zu, dass man nicht bemerkte, wie er die Stimme absetzte und eine Antwort erwartete.

Die Räume und ihre Geschichten

Links lag das Wohnzimmer mit Sesseln, aus denen man sich nur mit einem mutigen Ruck wieder herausschaukeln konnte. An den Wänden leuchteten Farben aus abstrakten Bildern. Rechts das Arbeitszimmer: Adorfs beinahe mehrstöckiger Schreibtisch mit offenen Fächern voller Manuskripte, in der Mitte sein von Denkzetteln umzingelter Laptop. Große Fenster ließen den weißblauen Tag herein. Neben ihnen hing Hildegard Knefs Selbstporträt. Im Rücken, unscheinbar, standen Dutzende Preise aus sechs Lebensjahrzehnten, vier davon für „Großen Bellheim“.

München als künstlerische Heimat

München war für ihn seit seinen Anfängen an der Falckenberg Schule künstlerische Heimat. Kaum hatte er 1955 sein erstes festes Engagement an den Kammerspielen, holte er seine geliebte Mutter an die Isar. Ihr Grab liegt bis heute in unserer Stadt. Sobald er das erste richtig gute Geld verdiente, mietete er ihr ein Haus in Harlaching, baute ihr 1970 eines in Grünwald. 2004 kehrte er selbst nach München zurück, nachdem er die Wohnung in Rom aufgegeben hatte – von Italien, insbesondere von Berlusconi, hatte Adorf damals genug.

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Einladung nach St. Tropez

2019 lud er mich in sein Sommerhaus nach St. Tropez ein. Ich durfte eine Woche Gast in seiner Einliegerwohnung sein, während er mir sein Leben für unser Buch erzählte – eine herrliche Männerwoche. Seine Villa lag verborgen hinter Pinienhainen und Oleanderhecken. Im Garten setzte er sich unter eine Pergola, über die wilder Wein rankte. Von den Terrassen seines Hauses schaute er hinab zur Küste der Côte d’Azur, meist in sein bevorzugtes Blau.

„Azzurro“ war eine Lieblingsmelodie, die er gern vor sich hinsummte, auch gegen die Wehmut, die manchmal in seinem Gemüt aufzog. So viele Ausgekochte und Abgebrühte hatte er gespielt – jetzt bloß nicht sentimental werden! Und doch waren da schwere Gedanken: „Was, wenn dieser Sommer sein letzter wäre?“, dachte er schon 2019.

Über das „große letzte Mal“

In unseren Gesprächen beschrieb er oft das „große letzte Mal“ – wie er sich ausmalte, Menschen, Orte und Dinge ein letztes Mal zu genießen. „Dieser Gedanke hat für mich nichts Trauriges, sondern es befriedigt mich sogar, diese Augenblicke bewusst zu empfinden.“ Immer umgab ihn etwas Unerklärliches, jene typische Adorf-Aura, mit der er einen Raum aus dem Stand für sich einnehmen konnte. Manchmal kam es einem vor, als wäre seine Aura schon vor ihm da, etwa wenn seine Stimme mit ihrem Kaminknistern ihn von Weitem ankündigte.

Einsamkeit als Stärke

Sprach ich ihn auf den Goldnugget an, den er verborgen unter seinen Hemden trug, brummte er, dass der ihm „nichts weiter bedeute“. Das Glück war ihm auch ohne Talisman gewogen. Wenn er nachts allein durch seinen Garten in St. Tropez spazierte und ich seine Schritte über den Kies knirschen hörte, musste ich mir vorstellen, wie diesen Mann von Kindesbeinen an Einsamkeit umgeben hatte. Seine geliebte Mutter – der italienische Vater hatte sich davongemacht – musste ihn unter der Woche ins Waisenhaus von Mayen geben. Als Näherin arbeitete sie Tag und Nacht, um ihn durchzubringen.

Vielleicht behielt Mario Adorf ein Stück jener Einsamkeit lebenslang. Er verwandelte sie in eine seiner Stärken. Rainer Maria Rilke, von dem Adorf Gedichte rezitierte, schreibt: „Es ist gut, einsam zu sein, denn Einsamkeit ist schwer; dass etwas schwer ist, muss uns ein Grund mehr sein, es zu tun.“ Dass etwas schwer ist, war für Adorf immer ein Grund, es zu tun. Mit seiner „schweren Einsamkeit“ und einer eleganten Egozentrik brachte er es an eine einsame Spitze.

Der Wunsch nach Freundschaft und Heimat

Was er vermisste, waren wahre Freundschaften. „Sie zu pflegen, versäumte ich zeitlebens. Das war ein Fehler“, sagte er. Wenn ich in St. Tropez von ihm Abschied nehmen musste und sich das Tor öffnete, fühlte es sich an, als ob ein Vorhang fiel. Man umarmte einander, ich stieg in den Wagen und schaute in den Rückspiegel. Dort stand er auf der Straße, hob die Hand, winkte lange nach, bis er verschwand – und doch bei einem blieb.

An Heiligabend 2025 rief er ein letztes Mal an. Er sagte, er sei nun in Paris und wolle dort bleiben, so gern er auch noch einmal nach München gekommen wäre. Da ahnte ich, dass er sich auf seine letzte Reise vorbereitet hatte. Vielleicht, so hoffe ich, kommt er doch noch einmal zurück zu uns – zum Bogenhauser Friedhof, wo Fassbinder, Dietl, Fischer und Eichinger liegen. Dort, so sagte er mir, würde er gerne eines Tages für immer bleiben.

Tim Pröses Biografie „Mario Adorf. Zugabe!“ erschien 2019 im Kiepenheuer & Witsch Verlag und kostet als Taschenbuch 16 Euro.