Abschied von Mario Adorf: Vom Leben in Schwabing zur letzten Ruhe in Bogenhausen
Abschied von Mario Adorf: Schwabing bis Bogenhausen

Persönlicher Abschied von einem Jahrhundertschauspieler

Mario Adorf ist tot – ein Nachruf, der weit über die bloße Nachricht hinausgeht. Der ehemalige AZ-Chefreporter Tim Pröse, der den Schauspieler ein Jahr lang für seine Biografie begleiten durfte, teilt intime Erinnerungen an einen der größten deutschen Darsteller. Dieser persönliche Besuch an Adorfs Münchner Zuhause wird zur bewegenden Hommage.

Letzter Besuch in Schwabing

Gestern stand ich noch einmal vor seinem stolzen Mietshaus in Schwabing, wo das Messingschild mit den Initialen „M.A.“ an der Klingel hängt. Ich strich über das eingravierte Metall und legte eine Blume auf die Stiegen. Im ersten Stock wohnte er, wenn er nicht in seinen anderen Wahlheimaten Paris oder St. Tropez weilte. Immer hatte ich gehofft, wir würden uns noch einmal in seiner deutschen Lieblingsstadt treffen, gleich um die Ecke vom Siegestor, und bei „seinem“ Italiener in der Maximilianstraße Pizza essen.

Nun ist es zu spät. Das Licht im ersten Stock wird nicht mehr auf den Gehsteig fallen. Es gibt keine Zugabe mehr. „Mario Adorf. Zugabe!“ – so heißt das Buch, das ich über ihn schreiben durfte, seine letzte Biografie. Für mich als ehemaligen Chefreporter der AZ war das Jahr der Begleitung eine der schönsten Zeiten meines Journalistenlebens.

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Wo alles begann: Die Maximilianstraße

Weil ich heute nicht mehr bei ihm läuten konnte, ging ich stattdessen an den Ort, an dem für ihn alles begann: die legendäre Falckenberg Schule in den Münchner Kammerspielen an der Maximilianstraße. Hier sprach er 1953 zum ersten Mal vor und wurde aufgenommen. Wie oft bin ich an diesem Haus vorbeigegangen, wo sich sein Lebenstraum erfüllte? Immer dachte ich an jenen berühmten Absolventen, neben dem auch Kollegen wie Otto Sander, Joachim Król, Sebastian Koch oder Katja Riemann starteten.

Mario Adorf, der Weltbürger, wohnte in Schwabing in der Nähe des Geschwister-Scholl-Platzes – eine symbolträchtige Nachbarschaft zur Münchner Universität, wo Hans und Sophie Scholl ihre mutigen Taten wagten. Er stand für das andere München, für das Mutmachende jener Stadt, die einst „Hauptstadt der Bewegung“ war.

Intime Momente in der Wohnung

Wenn ich am Messingklingelschild läutete, knisterte seine Stimme durch die Sprechanlage. Oben angekommen, warf Adorf die Espressomaschine an, aus der eine Wolke herauszischte, die an ein Café aus dem letzten Rom-Urlaub erinnerte. Jeder seiner Schritte knarzte über das Holzparkett, das dann seine ganz eigenen Geschichten erzählte.

Mit Adorf redete man nie lange drumherum. Wenn man ihm gegenübersaß, war es wie im Kino – immer lief irgendwie ein Film ab. Manchmal hörte man ihm so gebannt zu, dass man gar nicht bemerkte, wie er die Stimme abgesetzt hatte und eine Antwort erwartete. Man musste dann schnell zurücktauchen aus dem Film ins Jetzt.

Von München nach St. Tropez

München war für ihn seit seinen Anfängen an der Falckenberg Schule künstlerische Heimat. Kaum hatte er 1955 an den Kammerspielen sein erstes festes Engagement, holte er seine geliebte Mutter an die Isar. Ihr Grab liegt bis heute in unserer Stadt. 2004 kehrte er selbst nach München zurück, nachdem er die Wohnung in Rom aufgegeben hatte – von Italien, insbesondere von Berlusconi, hatte Adorf damals genug.

2019 lud er mich in sein Sommerhaus nach St. Tropez ein. Eine herrliche Männerwoche, in der er mir sein Leben für unser Buch erzählte. Seine Villa lag verborgen hinter Pinienhainen und Oleanderhecken. Im Garten setzte er sich unter eine Pergola, darüber rankte wilder Wein. Von den Terrassen seines Hauses schaute er hinab zur blauen Küste der Côte d’Azur.

Der Gedanke an das „große letzte Mal“

In unseren Gesprächen beschrieb er oft das „große letzte Mal“ – wie er sich ausmalte, Menschen, Orte und Dinge ein letztes Mal zu genießen. „Dieser Gedanke hat für mich nichts Trauriges, sondern es befriedigt mich sogar, diese Augenblicke bewusst zu empfinden“, sagte er.

Schon immer umgab diesen Weltstar etwas Unerklärliches: jene typische Adorf-Aura, mit der er einen Raum aus dem Stand heraus für sich einnehmen konnte. Manchmal kam es einem sogar so vor, als wäre seine Aura schon vor ihm da gewesen, etwa wenn seine Stimme mit diesem charakteristischen Kaminknistern ihn von Weitem ankündigte.

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Einsamkeit als Stärke

Eine traurige Kindheit prägte ihn: Seine geliebte Mutter – der italienische Vater hatte sich davongemacht – musste ihn unter der Woche ins Waisenhaus von Mayen geben. Als Näherin arbeitete sie Tag und Nacht, um den Buben durchzubringen. Vielleicht behielt Mario Adorf ein Stück jener Einsamkeit lebenslang. Er verwandelte sie in eine seiner Stärken.

Rainer Maria Rilke, von dem Adorf Gedichte rezitierte, schreibt: „Es ist gut, einsam zu sein, denn Einsamkeit ist schwer; dass etwas schwer ist, muss uns ein Grund mehr sein, es zu tun.“ Dass etwas schwer ist, war für Adorf immer ein Grund, es zu tun. Mit seiner „schweren Einsamkeit“, aber auch mit einer eleganten Egozentrik, brachte er es an eine im wahrsten Wortsinn einsame Spitze.

Der letzte Wunsch: Für immer in München bleiben

An Heiligabend 2025, zur Bescherungszeit, rief er ein letztes Mal an. Er sagte, dass er nun in Paris sei und dort bleiben wolle, so gern er auch noch einmal nach München gekommen wäre. Da ahnte ich, dass er sich vorbereitet hatte auf seine letzte Reise.

Vielleicht, so hoffe ich, kommt er doch noch einmal zurück zu uns – zum Bogenhauser Friedhof. Dort, wo Fassbinder liegt, Dietl, Fischer, Eichinger. Dort, so sagte er mir, würde er gerne eines Tages für immer bleiben. Ein letzter Wunsch des Jahrhundertschauspielers, der München so sehr liebte.