Brite leitet Völkerschlachtdenkmal: Vom Nationalismus zum Community-Ort
Das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig ist mit seinen 91 Metern Höhe nicht nur Europas größtes Denkmalbauwerk, sondern auch eines der monumentalsten Zeugnisse des deutschen Nationalismus. Seit Dezember leitet der britische Historiker Crawford Matthews (34) dieses schwierige Erbe. Wie fühlt er sich an diesem deutschtümelnden Arbeitsplatz? Und welche Visionen hat er für die Zukunft des Kolosses?
Ein frischer Blick auf ein schwieriges Erbe
Crawford Matthews ist Experte für englisch-preußische Geschichte und kam 2016 für seine Doktorarbeit nach Deutschland. Sein erster Besuch in Leipzig galt allerdings nicht dem Denkmal, sondern einem Fußballspiel von RB Leipzig gegen die Glasgow Rangers. Erst später besuchte er mit seinem Vater das „Völki“, wie das Denkmal im Volksmund genannt wird.
„Mein erster Gedanke war, dass es zu Größe und Bedeutung der Schlacht passt“, erzählt Matthews. „Aber dann kamen schnell Fragen auf. Ich wusste, dass die Erinnerungskultur ein bisschen schwierig ist.“ Nach dem Mauerfall gab es in Leipzig Diskussionen über den Umgang mit dem Denkmal, das sich damals in schlechtem Zustand befand. Statt einer Beseitigung wurde es bis 2024 für fast 40 Millionen Euro umfassend saniert.
Beeindruckend und abstoßend zugleich
„Das Denkmal ist sehr beeindruckend. Aber die Größe ist auch ein bisschen abstoßend“, sagt Matthews. Als Individuum fühle man sich vor dem monströsen Bau ganz klein – genau das sei die Absicht der Erbauer gewesen. „Es geht um die Gesellschaft“, erklärt der Museumschef. Allerdings sei das Denkmal eben auch sehr unkritisch nationalistisch. „Es ist mir wichtig, dass wir das aufbrechen.“
Das Völkerschlachtdenkmal gehört offiziell zum Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig. Dessen Direktor Anselm Hartinger freut sich über den frischen Blick des neuen Chefs: weg von der reinen Leipziger Sicht hin zu einer internationalen Perspektive.
Vielschichtigkeit hinter der nationalistischen Fassade
Museumsdirektor Hartinger betont, dass das Denkmal vielschichtiger sei als häufig angenommen. „Man darf der nationalistischen Fassade nicht auf den Leim gehen.“ Trotz der pompös-schwülstigen Anmutung sei das Denkmal von Trauer um die Gefallenen der Völkerschlacht erfüllt. „Das Denkmal spiegelt auch nicht den Ist-Zustand der Gesellschaft damals, sondern es zeigt den erwünschten Zustand einer bestimmten Gruppe.“
Matthews sieht Parallelen zur britischen Geschichtsschreibung: „Man sieht dadurch die Blindflecke der Geschichtsschreibung des eigenen Landes.“ Jedes Land schleppe die Last seiner Geschichte mit sich herum. Die verschiedenen Bedeutungsebenen des Denkmals freizulegen – das ist ein zentrales Anliegen des neuen Kurators.
Von der Geschichte zur Gegenwart
Dass das Thema Krieg heute wieder von beklemmender Aktualität ist, spiele den Museumsmachern in die Karten. „Wir können die historischen Unterlagen nutzen in den aktuellen Debatten“, sagt Matthews. „Das heißt nicht, dass wir aus der Geschichte lernen können, wie wir es in Zukunft machen. Aber wir können Orientierung geben.“
Nächstes Jahr will Matthews die Ausstellung zur Völkerschlacht aus einem Nebengebäude in das Denkmal selbst umsiedeln. Zwar kommen jährlich rund 300.000 Gäste in den Monumentalbau, doch viele lassen die historische Schau links liegen. Ihr Ziel ist meist die Aussichtsplattform, die einen fantastischen Blick über Leipzig bietet.
Vom Denkmal zum Community-Ort
Besonders bemerkenswert ist Matthews‘ offene Haltung gegenüber den weniger musealen Nutzungen des Denkmals. Das „Völki“ ist bei Joggern sehr beliebt, die seine vielen Stufen für Treppenläufe nutzen. Bei Minusgraden im Winter wimmelt es auf dem Wasserbecken vor dem Denkmal nur so vor Schlittschuhläufern.
Der neue Leiter findet diese Nutzungsformen gut: „Es wäre ein Wunsch von mir, das Völkerschlachtdenkmal zu einem Community-Ort zu machen.“ Damit würde das monumentale Bauwerk nicht nur als historisches Zeugnis, sondern auch als lebendiger Teil des städtischen Lebens wahrgenommen werden.
Matthews‘ Vision verbindet somit kritische Geschichtsaufarbeitung mit moderner Stadtkultur – ein ambitionierter Ansatz für eines der schwierigsten Denkmäler Deutschlands.



