Captain Spock wird zum heimlichen Star in Peschels Schweriner Trilogie-Finale
In der Schweriner M*Halle steht an diesem Vormittag ein vierbeiniger Darsteller im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit: Captain Spock, ein sechsjähriger Border Collie, zieht bei den Proben zu Milan Peschels neuer Produktion „Sterni und die Astronauten“ alle Blicke auf sich. Wenn der Hund zu den bombastischen Klängen von Shocking Blues‘ Nummer-eins-Hit „Venus“ auf die Bühne kommt, wird er zum unbestrittenen Star der Probe.
Ein tierischer Darsteller mit Bühnenpräsenz
Mit wedelndem Schwanz und drei lauten Bellern betritt Captain Spock die Szene, gefolgt von seinem Herrchen Jonas Steglich. Das bildhübsche Tier verliert auch nach mehrfacher Wiederholung der Szene nichts von seiner Freundlichkeit. Kein Wunder, dass die Theaterkollegen den sechsjährigen Langstreckenläufer in ihr Herz geschlossen haben. Souffleuse Yvonne Mann bedacht „Spocki“ regelmäßig mit Streicheleinheiten und Pausenleckerlis.
„Er hat total die Aufmerksamkeit“, stellt Regisseur Peschel fest, während er mit den Akteuren über Marx und die Grenzen des Wachstums diskutiert. „Das ist das Geile und trotzdem zugleich das Problem der Szene…“ – Kinder und Tiere ziehen halt immer. Dennoch hat den 58-Jährigen dies nicht davon abgehalten, den tierischen Darsteller nach dessen Mitwirken 2024 in seinem schrägen Ost-Western „Chico Zitrone im Tal der Hoffnung“ nun erneut zu verpflichten.
Abschluss einer ungeplanten Trilogie
Nach seinem letztes Jahr gefeierten zweiten Abend „Ich werde dich lieben“ mit absurden Gebrauchsphilosophien geht es nun ins Finale von Peschels Schweriner Trilogie – die eigentlich nie als eine solche geplant gewesen sei: „Vieles im Leben sind einfach Zufälligkeiten.“ Peschel findet es natürlich „schön“, dass diese „Reise von sieben Schauspielern und der Schweriner Singakademie“ jetzt als Abschluss wahrgenommen wird.
„Es geht um die Freiheit in der Kunst und das Nachdenken darüber, den Aufbruch ins Ungewisse, um bei sich selbst anzukommen…“, erklärt der Regisseur. An diesem Probenvormittag scheint es jedoch noch mehr eine Suche zu sein: Obwohl Mimin Antje Trautmann den Co-Astronauten verkündet: „Wir leben, wir haben es geschafft, den Zeitknoten zu verlassen“ – Peschel ist noch nicht zufrieden. „Warte noch mal, das funktioniert nicht…“
Theatralische Zukunftsweisung zwischen Glitzerfäden und Zahnrädern
Muss es ja aber auch (noch) nicht, schließlich entstehen seine gebrauchsphilosophischen (Alltags-)Spielereien nicht zuletzt im (Bühnen-)Spiel und Gespräch. Wenn Julia Keiling verkündet: „Worauf es wirklich ankommt, ist, die Schwerkraft zu überwinden – etwas, das den Leuten eine Zukunft anbietet“, dann ist das ebenso theatralisch wie im besten Sinne zukunftsweisend. Selbst wenn Captain Spock in diesem Moment mit weit aufgerissenem Maul nur freundlich gähnt.
„Er ist der erste Hund, der eine Reise bis ans Ende des Universums unternommen hat“, stellt Frank Wiegard als Commander fest. „Leider darf er sich dazu nicht äußern.“ Dafür hat er ja seine sieben menschlichen Raumfahrer-Kollegen, die zwischen silbernen Glitzerfäden und in die Jahre gekommenen Zahnrädern den Science-Fiction-Kosmos beschwören. „Wo sind wir hier überhaupt? Das ist nicht mehr unser Sonnensystem…“
Weltuntergang mit philosophischem Tiefgang
Fragt sich nur, ob es am Ende dieses Erarbeitungsprozesses und des Premierenabends am kommenden Freitag darauf eine Antwort geben wird. Doch vielleicht braucht es eine solche auch gar nicht in dieser Geschichte von Sterni, dem Pförtner einer staatlich subventionierten Spelunke – ein Schelm, der dabei an das Mecklenburgische Staatstheater denkt –, der mit seiner Rakete in den Weltraum vorstoßen und die Schwerkraft überwinden will.
„Solchen Menschen begegnen wir immer wieder, die nicht unseren eigenen Vorurteilen entsprechen“, sinniert Peschel. „Das macht mir Hoffnung.“ Es heiße immer, der Weltuntergang wäre zeitlos – und doch sei dieser allen Prophezeiungen zum Trotz noch niemals eingetreten. „Selbst letzten Donnerstag nicht, als die Spülmaschine ihren Geist aufgegeben hatte.“
Abgedreht? Vielleicht. Und doch im gleichen Moment sehr erdverbunden, denn Sterni, das steht auch für das ostdeutsche Billigbier in Dosen. „Mir hat gefallen, dass man hier zwei Dinge hineinlesen kann: Manchmal ist es nur ein Durstlöscher – manchmal setzt es aber auch hochphilosophische Diskussionen in Gang.“
Gut möglich, dass dies auch bei diesem Bühnenzauber des nicht zuletzt durch seine Rollen im „Tatort“ und „Tatorteiniger“ einem breiten (Fernseh-)Publikum bekannten Schauspielers einmal mehr der Fall sein wird. Schließlich geht es bei diesem Science-Fiction-Abenteuer nicht um banale Kleinigkeiten des Alltags, sondern, wie der Commander betont: „Das Überleben der ganzen Menschheit, der Erde steht auf dem Spiel“.
Gut, dass da mit Captain Spock ein alter Hase, pardon: Hund an Bord ist, der auch schon mal den Entwurf einer konkreten humanistischen Utopie formulieren kann. Wenn denn die Frau Mann ihn nicht gerade mit Pausenleckerlis ablenken würde...
Aufführungstermine: Schwerin, M*Halle: 27.2. (Premiere), 8.+21.3., Karten (26,30 Euro): 0385/5300-123



