Farbenfrohe Verwandlung: Die Kunst des Cosplays hinter den Kulissen
Leder, Perlen und goldene Farbe: Mit Herzblut und unermüdlicher Kreativität arbeitet Toni seit vielen Monaten an ihrem neuen Kostüm für die bevorstehende Leipziger Buchmesse. Die studierte Künstlerin aus Leipzig verbringt ihre gesamte Freizeit mit diesem Projekt – skizzieren, Schablonen anfertigen, ausschneiden, nähen, sticken und verzieren. Alles entsteht in liebevoller Handarbeit, ein Prozess, der für Toni weit mehr als nur ein Hobby darstellt: Es ist ihre absolute Leidenschaft.
Von der Idee zum Original-Charakter
Das Wort Cosplay setzt sich aus den englischen Begriffen „costume“ und „play“ zusammen, bedeutet also Spiel im Kostüm. Doch für die engagierte Szene geht es weit über das bloße Verkleiden hinaus. „Es geht darum, den Habitus des Charakters vollständig zu verkörpern“, erklärt Toni. In diesem Jahr widmet sie sich dem „Sleep-Token“-Universum der britischen Band, die mit weiß-bunt verzierten Masken und schwarz angemalten Körpern auftritt. Inspiriert davon entwickelte die 33-Jährige ihren eigenen Original-Charakter, einen sogenannten OC.
„Die meisten sind mit Harry Potter aufgewachsen und haben sich vorgestellt, wie man selbst in dieser Welt wäre – das ist praktisch ein OC“, erläutert Toni. Ihr Kostüm besteht aus verschiedenen Materialien: Federn wurden einzeln aus Leder und einem Fellimitat ausgeschnitten und sorgfältig aufgenäht. In fast jede Feder arbeitete sie eine Perle ein, während Nieten und Borten den Kleidungsstücken mehr Tiefe verleihen.
Monatelanger Schaffensprozess
Zwischen sechs und sieben Monaten investiert Toni durchschnittlich in ein Kostüm, wobei bis zu 300 Euro in Materialien fließen. Ein Teil ihres aktuellen Werkes hängt bereits fertig über einer Schneiderpuppe. Perlen reihen sich über handbestickte Nähte, kleine Tierzähne wurden einzeln in die Ziernaht an der Schulter eingearbeitet. „Ich suche gern besondere Sachen auf Flohmärkten“, verrät Toni. Den Rest besorgt sie sich in Fachgeschäften oder online.
Ihr Arbeitsplatz zeugt von jahrelanger Sammelleidenschaft: Zahlreiche Pinsel, Stifte und Scheren stehen bereit. Ob Ornamente aus Epoxidharz oder Masken aus leichter Modelliermasse – Toni fertigt fast alles in Kleinstarbeit selbst an. „Bei mir ist es so, dass ich eher Nischensachen mache. Ich muss fast alles selber machen, weil es das nicht zu kaufen gibt“, erklärt sie.
Inspiration aus sozialen Netzwerken
Aufgewachsen mit dem animierten Manga „Sailor Moon“, entdeckte Toni früh ihre Faszination für Animes. Heute arbeitet sie vermehrt an Kostümen aus der Musikindustrie oder lässt sich von Fan-Art auf Social Media inspirieren. Jedes Projekt beginnt mit akribischer Planung. „Das klingt sehr langweilig, aber gute Planung kann einem auch mal den Arsch retten“, sagt sie lachend. Schließlich müsse man auch die Motivation haben, ein halbes Jahr an einem solchen Kostüm zu arbeiten.
Bei sogenannten Fan-Art-Cosplays greift sie Zeichnungen und Grafiken von Fans zu bestimmten Serien auf und erweckt sie zum Leben. Aktuell arbeitet sie an einem Kostüm zum Charakter „Derpy“ von den „KPop Demon Hunters“, eine Vorlage, die sie auf Instagram entdeckte. Dieses Projekt hebt sie sich jedoch für die Zeit nach der Buchmesse auf.
Die Cosplay-Szene in Deutschland
Cosplay erfreut sich deutschlandweit großer Beliebtheit. Vernetzt wird sich neben den Treffen auf Conventions vor allem über soziale Medien. Hier werden bereits die ersten Line-ups geteilt: Was trägt man an welchem Tag? Conventions sind regelmäßige Treffen der Szene, häufig mit Bühnenprogramm oder Signierstunden. Über das Jahr verteilt finden zahlreiche solcher Veranstaltungen statt – ob in Dresden, Frankfurt, Erfurt oder Düsseldorf, wo nach eigenen Angaben die größte Convention Deutschlands stattfindet.
Die Leipziger Buchmesse profitiert seit Jahren von den bunten Cosplayern. Schon bevor die Manga Comic Con (MCC) 2014 in Leipzig startete, konnten Besucher zahlreiche Cosplayer bestaunen, erklärt Felix Wisotzki, Sprecher der Leipziger Buchmesse. Mit dem offiziellen Start der MCC wurde die Messe unter Cosplayern noch beliebter und ist seither ein fester Treffpunkt der Szene. Sehen und gesehen werden, die Kostüme der anderen bewundern, in Kontakt treten – darum geht es bei diesen Veranstaltungen.
Respektvoller Umgang mit der Kunst
Die schrillen Kostüme finden nicht nur innerhalb der Szene Bewunderung, auch Außenstehende betrachten gern die detaillierten Outfits. Schnell wird dabei das Handy gezückt und ein Foto gemacht. Dieses Verhalten kritisiert Toni nachdrücklich. „Gern würde ich für Bilder bereitstehen, doch bitte sollte man vorher fragen. Wie ein Tier im Zoo fühlen sich auch Cosplayer ungern“, betont sie. Respektvoller Umgang sei für die Künstler wichtig, die so viel Zeit und Mühe in ihre Kreationen investieren.
Bis zur Leipziger Buchmesse vom 19. bis 22. März sind es nur noch wenige Details, an denen Toni bei ihrem „Sleep-Token“-Cosplay arbeiten möchte: einige zusätzliche Bestickungen in der Kapuze, weitere Malereien auf dem Stoff und etwas mehr Farbe für den letzten Schliff. Dann wird sie ihr fertiges Kunstwerk der Öffentlichkeit präsentieren – eine Hommage an kreative Leidenschaft und handwerkliches Können.



