Wie die DDR-Literatur nach 1990 aufs Abstellgleis geriet
Neubrandenburg • Carsten Gansel, ein renommierter Germanist, hat mit seiner 2023 erschienenen Biografie über Brigitte Reimann und seinem neuen Werk „Ausradiert? Wie die Literatur der DDR verschwand“ dafür gesorgt, dass die ostdeutsche Literatur und ihre Autoren nicht in Vergessenheit geraten. In einem ausführlichen Gespräch mit Frank Wilhelm erläutert Gansel die systematische Abwertung und Marginalisierung dieser literarischen Tradition nach der Wiedervereinigung.
Die Dominanz westlicher Narrative
Gansel betont, dass die Literatur der DDR stellvertretend für den Umgang mit dem Osten insgesamt steht. Das westliche Modell wurde eins zu eins übertragen, was Wirtschaft, Wissenschaft, Medien und Kultur betraf. Dies führte dazu, dass die notwendige Auseinandersetzung mit der DDR unter der Dominanz des bundesdeutschen Systems stattfand. Ostdeutsche hatten seit 35 Jahren nur begrenzte Möglichkeiten, ihre eigene Geschichte selbst zu erzählen. In Ausstellungen, Museen und Schulbüchern dominieren laut Historiker Martin Sabrow „Diktaturgeschichten“, und die Literatur wird oft auf Staatsdichter reduziert, die das System verherrlicht hätten. Gansel hält dies für Unsinn und verweist auf die komplexe Realität.
Historische Wurzeln und gesellschaftliche Visionen
Die Anfänge der DDR-Literatur nach 1945 waren geprägt von der Vision eines „neuen Menschen“ nach Krieg und Zivilisationsbruch. Autoren wie Anna Seghers, Bertolt Brecht und Johannes R. Becher kehrten aus dem Exil zurück und knüpften an diese Ideale an. Die jüngere Generation, darunter Christa Wolf, Brigitte Reimann und Heiner Müller, strebte danach, an der Veränderung der Welt teilzuhaben. Ab den 1970er-Jahren erzählten sie zunehmend vom Widerspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit, was die Literatur zu einem authentischen Spiegel des Alltags machte.
Beispiele literarischer Alltagsbeschreibungen
Gansel nennt exemplarisch Erwin Strittmatters „Tinko“ (1954), der die Konflikte durch Kollektivierung in der Landwirtschaft thematisiert, und Brigitte Reimanns „Ankunft im Alltag“ (1961), das soziale Beziehungen beim Aufbau des Kombinats „Schwarze Pumpe“ beschreibt. Diese Werke zeigen, dass die DDR-Literatur einzigartige gesellschaftliche Maximen und Themen behandelte, wie Günter Grass einmal anmerkte. Der Wirtschaftshistoriker Jürgen Kuczynski betonte, dass Romane wie „Die Geschwister“ von Reimann oder „Ole Bienkopp“ von Strittmatter Alltagserfahrungen festhielten, die Historiker oft übersahen.
Vernichtung und Abwertung nach der Wende
Nach 1990 landeten viele DDR-Bücher auf Müllhalden, was Gansel mit der vorherigen Abwertung in der Bundesrepublik in Verbindung bringt. Zwar gab es keinen großen Plan zur Vernichtung, aber staatliche Stellen unternahmen nichts dagegen, da die Literatur oft als systemstützend angesehen wurde. Gleichzeitig überschwemmten westliche Bücher den Markt, und das ostdeutsche Buchhandelssystem kollabierte. Die Privatisierung durch die Treuhand führte dazu, dass 95 Prozent der DDR-Verlage an westdeutsche Unternehmen gingen, wobei ostdeutsche Bewerber aufgrund mangelnder Kreditwürdigkeit kaum berücksichtigt wurden.
Folgen für Autoren und Institutionen
Viele DDR-Autoren standen nach 1990 vor dem Nichts, da Kulturhäuser geschlossen und Bibliotheksnetze zerstört wurden. Nur engagierte Initiativen, wie in Neubrandenburg, bewahrten Teile des literarischen Erbes. An deutschen Universitäten fand die DDR-Literatur bis nach 2000 kaum Beachtung, da ostdeutsche Wissenschaftler oft entlassen und durch westliche Professoren ersetzt wurden, deren Interesse gering war. Trotz positiver Signale, wie der Aufnahme von neun DDR-Autoren in den Spiegel-Kanon der 100 besten deutschen Bücher, bleibt das Problem asymmetrischer Kommunikation bestehen.
Zukunft und Kanonbildung
Gansel sieht Hoffnung, betont aber, dass solange Ostdeutsche als Objekte der Diktaturgeschichte behandelt werden, sich nichts ändert. Er verweist auf die Erfahrungen der Menschen, die in der DDR mit Widersprüchen lebten und heute hellhörig sind, wenn demokratische Prozeduren gefährdet sind. Sein Buch enthält eine persönliche Leseliste mit 50 Titeln, darunter Anna Seghers‘ „Das siebte Kreuz“ und Joachim Walthers „Risse im Eis“, um die Vielfalt der DDR-Literatur zu bewahren. Die offizielle Buchpremiere findet am 26. März in der Uwe-Johnson-Buchhandlung Güstrow statt.



