DEFA-Klassiker: Warum der Film 'Die Schlüssel' nie im DDR-Fernsehen lief
DEFA-Film 'Die Schlüssel': Zensur verhinderte TV-Ausstrahlung (20.03.2026)

Ein fast vergessener DEFA-Film: 'Die Schlüssel' und seine bewegte Geschichte

In den frühen 1970er-Jahren standen die DDR-Stars Jutta Hoffmann und Jaecki Schwarz für den Film 'Die Schlüssel' vor der Kamera. Doch dieser Streifen blieb einem breiten Publikum weitgehend unbekannt, da er nie im Fernsehen der DDR ausgestrahlt wurde. Der Grund dafür liegt in einer komplexen Zensurgeschichte, die sowohl ostdeutsche als auch polnische Kulturpolitiker involvierte.

Zensur im Ostblock: Ein Film zwischen zwei Staaten

Regisseur Egon Günther, bekannt für seine konfliktreiche Beziehung zur SED-Kulturpolitik, sah sich mit 'Die Schlüssel' in den Mühlen der Zensur zweier Ostblock-Staaten gefangen. Nicht nur die DDR-Prüfer nahmen das Werk unter die Lupe, sondern auch polnische Funktionäre, wie der Filmwissenschaftler Philipp Zengel von der DEFA-Stiftung herausfand. Die Stiftung hat den Film kürzlich zum DEFA-Film des Monats gekürt, anlässlich des 85. Geburtstags von Jutta Hoffmann am 3. März.

Die Entstehung von 'Die Schlüssel' muss im historischen Kontext betrachtet werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschten zwischen Polen und Deutschen lange Misstrauen und Feindschaft, geprägt durch propagandistische Klischees. Erst Machtwechsel in beiden Ländern – Edward Gierek in Polen und Erich Honecker in der DDR – führten zu einer Annäherung und ermöglichten ab 1972 visafreien Grenzverkehr.

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Handlung und künstlerische Umsetzung

Im Film spielen Jutta Hoffmann als Ric und Jaecki Schwarz als Klaus ein frisch verliebtes Paar, das den DDR-Alltag gegen einen Urlaub im 'freieren Polen' eintauschen möchte. Am Flughafen treffen sie auf ein unbekanntes Ehepaar aus Krakau, das ihnen die Schlüssel zu seiner Wohnung anvertraut. Das Drehbuch stammt von Helga Schütz, der damaligen Lebensgefährtin Günthers, und wurde von April bis Juli 1972 vornehmlich in Krakau und Stettin gedreht.

Günthers Regiestil war für die damalige Zeit revolutionär: Er ließ viel Raum für Improvisationen, nutzte reale Drehorte, dynamische Kameraführung und natürliches Licht. Der polnische Filmwissenschaftler Andrzej Gwóźdź beschreibt das Werk als Paradebeispiel einer hypothetischen 'Neuen Welle' in der DDR-Kinematographie.

Zensurmaßnahmen und ihre Folgen

Nach Abschluss der Dreharbeiten dauerte es eineinhalb Jahre, bis 'Die Schlüssel' am 21. Februar 1974 im Berliner Kino International Premiere feierte. Die polnischen Kulturfunktionäre kritisierten die Rohfassung als 'politisch und philosophisch falsch', was zu erheblichen Kürzungen führte. Herausgeschnitten wurden unter anderem Szenen mit dem polnischen Bischof Stefan Wyszyński, Aufnahmen des Rockstars Czesław Niemen und eine Sequenz an einer Gedenktafel für im Zweiten Weltkrieg ermordete Polen.

Selbst nach der Premiere wurde der Film behindert: Es gab nur wenige Kopien, eine Exportsperre wurde verhängt, und Vorführungen im Ausland wurden gestoppt. Als der visafreie Reiseverkehr zwischen Polen und der DDR eingestellt wurde, durfte der Film gar nicht mehr gezeigt werden. Die DDR-Filmkritik äußerte sich skeptisch, vermutlich um eine Auseinandersetzung mit heiklen Themen wie dem deutsch-polnischen Verhältnis oder der Gleichberechtigung zu vermeiden.

Ein Monolog zur Gleichberechtigung

Ein Höhepunkt des Films ist ein grandioser Monolog von Jutta Hoffmann zur Gleichberechtigung von Mann und Frau in der DDR. In einer leeren Straßenbahn richtet sie die Worte an Klaus: 'Hochstehen wirste eines Tages und ich werde immer und immer und ewig und drei Tage lang Arbeiterin bleiben...' Diese Szene entstand teilweise improvisiert, als ein polnischer Straßenbahnfahrer hinzukam und ein spontanes Gespräch entstand, aus dem später ein kontroverser Satz entfernt wurde.

Verfügbarkeit und kulturelles Erbe

Aktuell ist 'Die Schlüssel' in der DEFA-Filmwelt auf YouTube verfügbar. Der Film steht exemplarisch für die Zensurmechanismen im Ostblock und die künstlerischen Grenzgänge der DEFA. Für Filmfreunde bleibt er ein faszinierendes Zeitdokument, das trotz aller Widerstände die kreative Kraft von Regisseur Egon Günther und seinen Darstellern zeigt.

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