Fast vergessener DEFA-Film: Zensur verhinderte TV-Ausstrahlung von 'Die Schlüssel'
DEFA-Film 'Die Schlüssel': Zensur verhinderte TV-Ausstrahlung

Ein fast vergessener DEFA-Klassiker: 'Die Schlüssel' und sein Schicksal

In den frühen 1970er-Jahren entstand unter der Regie von Egon Günther ein bemerkenswerter DEFA-Film, der bis heute nur wenigen Kennern bekannt ist. 'Die Schlüssel' mit den jungen Darstellern Jutta Hoffmann und Jaecki Schwarz sollte eigentlich ein Leuchtturmprojekt der ostdeutschen Filmkunst werden, doch das Schicksal meinte es anders mit diesem Werk.

Zwei aufstrebende Stars vor der Kamera

Jutta Hoffmann und Jaecki Schwarz standen damals am Beginn ihrer beeindruckenden Karrieren. Hoffmann hatte bereits in mehreren DEFA-Produktionen mitgewirkt, darunter in Günthers 'Der Dritte' aus dem Jahr 1971. Schwarz war durch seine Rolle in 'Ich war neunzehn' (1968) aufgefallen. Beide hatten sogar schon vor 'Die Schlüssel' gemeinsam vor der Kamera gestanden – in dem Roadmovie 'Weite Straßen – stille Liebe' aus dem Jahr 1969.

Die DEFA-Stiftung hat 'Die Schlüssel' nun zum DEFA-Film des Monats gekürt, nicht zuletzt weil Jutta Hoffmann kürzlich ihren 85. Geburtstag feierte und Jaecki Schwarz seinen 80. Geburtstag beging. Ein willkommener Anlass, um diesen fast vergessenen Film wieder ins Bewusstsein zu rücken.

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Doppelte Zensur: DDR und Polen

Was diesen Film besonders macht, ist sein kompliziertes Entstehungs- und Verbreitungsschicksal. Normalerweise hatten DEFA-Filmemacher vor allem mit den Zensurorganen der DDR zu kämpfen. Bei 'Die Schlüssel' kam jedoch eine zusätzliche Hürde hinzu: die polnische Zensur.

Wie der Filmwissenschaftler Philipp Zengel, Sprecher der DEFA-Stiftung, recherchiert hat, geriet Regisseur Egon Günther mit diesem Film in die Mühlen der Zensur zweier Ostblock-Staaten. Sowohl ostdeutsche als auch polnische Kulturpolitiker nahmen das Werk unter die Lupe – mit gravierenden Folgen für den fertigen Film.

Historischer Kontext: Deutsch-polnische Beziehungen

Die Entstehung von 'Die Schlüssel' muss im historischen Kontext betrachtet werden. Noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg herrschten zwischen Polen und Deutschen Misstrauen, Skepsis und teilweise sogar Feindschaft. Der polnische Filmwissenschaftler Andrzej Gwóźdź beschreibt diese Situation treffend: 'Die Wahrnehmung der Polen in der DDR und – umgekehrt – der DDR-Bürger in Polen wurde jahrelang und beinahe ausschließlich durch propagandistische Klischees der Wochenschauen geprägt.'

Erst Machtwechsel in beiden Ländern sorgten für eine gewisse Annäherung: In Polen löste Edward Gierek 1970 Władysław Gomułka als Parteichef ab, in der DDR gewann Erich Honecker 1971 den Machtkampf gegen Walter Ulbricht. Ab 1972 wurde sogar der visafreie Grenzverkehr zwischen beiden Ländern möglich.

Die Handlung: Eine Reise ins 'freiere Polen'

Im Mittelpunkt des Films stehen Ric (Jutta Hoffmann), eine lebenslustige Arbeiterin aus einem Glühlampenwerk, und Klaus (Jaecki Schwarz), ein vorbildlicher Student. Frisch verliebt planen sie ihren ersten gemeinsamen Urlaub und wollen den DDR-Alltag gegen das 'freiere Polen' eintauschen, wie Zengel erklärt.

Am Flughafen treffen sie auf ein unbekanntes Ehepaar aus Krakau, das ihnen die Schlüssel zu seiner Wohnung anvertraut. Das Drehbuch stammte von Helga Schütz, der damaligen Lebensgefährtin von Regisseur Günther. Gedreht wurde von April bis Juli 1972 vornehmlich in Krakau und Stettin.

Revolutionärer Regiestil

Günthers Regiestil war für die damalige Zeit fast schon revolutionär. Das Drehbuch ließ viel Raum für Improvisationen, reale Drehorte, spontane Szenen, eine dynamische Kamera und natürliches Licht bestimmten den Film. Gwóźdź beschreibt dies treffend: 'Hätte es in der DDR-Kinematographie einst eine Art dekretierte Neue Welle gegeben, dann wäre Günthers Werk ein Paradebeispiel hierfür.'

Zensurschnitte mit gravierenden Folgen

Nach Abschluss der Dreharbeiten dauerte es eineinhalb Jahre, bis 'Die Schlüssel' am 21. Februar 1974 im Berliner Kino International Premiere feiern konnte. Die polnischen Kulturfunktionäre hatten die Rohfassung als 'politisch und philosophisch falsch' kritisiert, was zu massiven Eingriffen führte.

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'Eine Reihe von Szenen wurde stark beschnitten oder fiel der Zensur gänzlich zum Opfer', erklärt Zengel. Herausgeschnitten wurde unter anderem eine Sequenz an der Krakauer Marienkirche, in der der polnische Bischof Stefan Wyszyński zu sehen war. Auch eine Aufnahme eines Konzerts des umstrittenen Rockstars Czesław Niemen wurde gekürzt.

Komplett eliminiert wurde eine besonders brisante Szene, in der Klaus von zwei Polen vor eine Gedenktafel gezerrt wurde, die an die im Zweiten Weltkrieg ermordeten Polen erinnerte. Solche Szenen passten nicht in das offizielle Bild der deutsch-polnischen Freundschaft.

Ein Monolog zur Gleichberechtigung

Besonders bemerkenswert ist ein grandioser Monolog von Jutta Hoffmann zur Gleichberechtigung von Mann und Frau in der DDR. In einer leeren Straßenbahn richtet sie an Klaus die Worte: 'Hochstehen wirste eines Tages und ich werde immer und immer und ewig und drei Tage lang Arbeiterin bleiben .... Und wenn ihr, die Ingenieure, die ich hoch achte, zusammensitzt und redet, wird deine Frau schweigsam daneben sitzen und hold und dämlich lächeln.'

Interessant ist die Entstehungsgeschichte dieser Szene: Als während der Dreharbeiten unerwartet ein polnischer Straßenbahnfahrer hinzukam, erhielt Hoffmann von Günther die Anweisung 'Red' mal mit ihm!'. Es kam zu einem spontanen Gespräch, aus dem später ein Satz des Arbeiters entfernt wurde: 'In deutscher Gefangenschaft nie gehungert, in russischer Gefangenschaft immer gehungert.'

Schwierige Verbreitung und Rezeption

Auch nach der offiziellen Premiere wurde es dem Film nicht leicht gemacht. Es gab nur wenige Kopien, sodass 'Die Schlüssel' längst nicht in allen Kinos zu sehen war. Zudem wurde eine Exportsperre verhängt. 'Eine bereits angekündigte Vorführung im Rahmen der Viennale 1974 sowie eine Lizenzierung in die Bundesrepublik wurden gestoppt', schreibt Zengel.

Die wohl gravierendste Einschränkung: Im DDR-Fernsehen lief der Film nie. Als der visafreie Reiseverkehr zwischen Polen und der DDR später gestoppt wurde, durfte der Film gar nicht mehr gezeigt werden.

Die Filmkritik in der DDR äußerte sich skeptisch bis ablehnend. Die Rezensenten arbeiteten sich 'fast ausnahmslos an dramaturgischen und formal-ästhetischen Aspekten' ab, so Zengel. Er vermutet, dass die Schreiber einer Auseinandersetzung mit den inhaltlichen Themen aus dem Weg gehen wollten – insbesondere dem deutsch-polnischen Verhältnis oder der kritischen Sichtweise auf die Gleichberechtigung.

Das Erbe der Darsteller

Jutta Hoffmann, die 2017 den Deutschen Schauspielerpreis erhielt, hat sich mittlerweile weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Jaecki Schwarz ist vielen vor allem durch seine Rolle als Sputnik in der Krimiserie 'Ein starkes Team' bekannt.

Aktuell ist der Film 'Die Schlüssel' in der DEFA-Filmwelt auf YouTube verfügbar – eine späte Würdigung für ein Werk, das unter schwierigen Bedingungen entstand und trotz aller Widrigkeiten seine künstlerische Qualität bewahrt hat.

DEFA-Filme im digitalen Zeitalter

Interessierte können heute auf verschiedenen Plattformen DEFA-Klassiker entdecken. In Zeitungs-Apps finden sich etwa 30 Streifen, die in den Studios der früheren ostdeutschen Filmfabrik entstanden sind. Darunter sind auch einige Filme mit Jutta Hoffmann und Jaecki Schwarz wie 'Fariaho', 'Das Versteck' und 'Karla'.

Letzterer Film aus dem Jahr 1965 mit Hoffmann in der Hauptrolle als junge Lehrerin gilt als Plädoyer für die Meinungsfreiheit. Wie 'Die Schlüssel' fiel auch 'Karla' dem 'Kahlschlag-Plenum' der SED 1965 zum Opfer und feierte erst 1990 Premiere.

Die digitale Verfügbarkeit dieser Filme ermöglicht es heutigen Generationen, sich ein Bild von der Vielfalt und Qualität der DEFA-Produktionen zu machen – auch von jenen Werken, die einst der Zensur zum Opfer fielen.