Fast vergessen: DEFA-Film "Die Schlüssel" mit Jutta Hoffmann und Jaecki Schwarz
In der reichen Geschichte des DDR-Kinos gibt es Werke, die trotz ihrer künstlerischen Qualität in Vergessenheit gerieten. Ein solcher Fall ist der DEFA-Film "Die Schlüssel" aus dem Jahr 1974, der nun von der DEFA-Stiftung als Film des Monats ausgezeichnet wurde. Mit Jutta Hoffmann und Jaecki Schwarz in den Hauptrollen erzählt der Streifen eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des deutsch-polnischen Verhältnisses, die jedoch von doppelter Zensur geprägt war.
Doppelte Zensur durch DDR und Polen
Regisseur Egon Günther, bekannt für seine Konflikte mit der SED-Kulturpolitik, sah sich bei "Die Schlüssel" ungewöhnlichen Herausforderungen gegenüber. Nicht nur ostdeutsche Zensoren, sondern auch polnische Kulturpolitiker nahmen das Werk unter die Lupe, wie Filmwissenschaftler Philipp Zengel von der DEFA-Stiftung recherchierte. Diese doppelte Prüfung führte zu erheblichen Eingriffen: Zahlreiche Szenen wurden stark gekürzt oder komplett entfernt, darunter Sequenzen mit dem polnischen Bischof Stefan Wyszyński und dem Rockstar Czesław Niemen.
Die Premiere am 21. Februar 1974 im Berliner Kino International markierte nur den Beginn einer schwierigen Rezeption. Mit wenigen Kopien und einer Exportsperre ausgestattet, erreichte der Film kaum ein breites Publikum. Im DDR-Fernsehen lief er nie, und als der visafreie Reiseverkehr zwischen Polen und der DDR gestoppt wurde, durfte er gar nicht mehr gezeigt werden.
Historischer Kontext und Handlung
"Die Schlüssel" entstand in einer Zeit des Wandels: 1970 übernahm Edward Gierek in Polen die Macht, 1971 Erich Honecker in der DDR. Ab 1972 ermöglichte der visafreie Grenzverkehr eine Annäherung, doch alte Vorurteile zwischen Deutschen und Polen blieben bestehen. Der Film spielt genau in dieser Übergangsphase.
Die Handlung folgt Ric (Jutta Hoffmann), einer lebenslustigen Arbeiterin, und Klaus (Jaecki Schwarz), einem vorbildlichen Studenten, die frisch verliebt nach Polen reisen, um dem DDR-Alltag zu entfliehen. Am Flughafen treffen sie auf ein unbekanntes Ehepaar aus Krakau, das ihnen die Schlüssel zu seiner Wohnung anvertraut. Gedreht wurde von April bis Juli 1972 vornehmlich in Krakau und Stettin, mit einem Drehbuch von Helga Schütz, Günthers damaliger Lebensgefährtin.
Innovativer Regiestil und kritische Themen
Günthers Regiestil war für die damalige Zeit revolutionär: Reale Drehorte, improvisierte Szenen, dynamische Kameraführung und natürliches Licht prägten den Film. Der polnische Filmwissenschaftler Andrzej Gwóźdź bezeichnete ihn als Paradebeispiel einer "dekretierten Neuen Welle" in der DDR-Kinematographie.
Dennoch blieben kritische Themen wie das deutsch-polnische Verhältnis oder die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau in der DDR oft unkommentiert. Ein herausragender Monolog von Jutta Hoffmann zur Rolle der Frau in der Gesellschaft wurde jedoch beibehalten und gilt als Höhepunkt des Films. In einer leeren Straßenbahn richtet sie an Klaus die Worte: "Hochstehen wirste eines Tages und ich werde immer und immer und ewig und drei Tage lang Arbeiterin bleiben..."
Karrieren der Hauptdarsteller
Jutta Hoffmann und Jaecki Schwarz standen mit "Die Schlüssel" am Beginn großer Karrieren. Hoffmann, die 2017 den Deutschen Schauspielerpreis erhielt, hatte zuvor bereits in Filmen wie "Der Dritte" (1971) mitgewirkt. Schwarz, bekannt aus "Ich war neunzehn" (1968) und später der Krimiserie "Ein starkes Team", feierte jüngst seinen 80. Geburtstag. Beide hatten vor "Die Schlüssel" bereits in dem Roadmovie "Weite Straßen – stille Liebe" (1969) gemeinsam vor der Kamera gestanden.
Vergessen und Wiederentdeckung
Heute ist "Die Schlüssel" in der DEFA-Filmwelt auf YouTube verfügbar und erlebt eine späte Wiederentdeckung. Die DEFA-Stiftung würdigte den Film anlässlich des 85. Geburtstags von Jutta Hoffmann im März 2026. Für Filmfreunde bietet sich die Gelegenheit, einen fast vergessenen Klassiker zu erleben, der trotz Zensur und politischer Widerstände seine künstlerische Kraft bewahrt hat.
Der Film steht exemplarisch für die Herausforderungen, mit denen DEFA-Regisseure wie Egon Günther konfrontiert waren, und erinnert an eine Ära, in der Kunst oft zwischen Ideologie und Freiheit balancieren musste.



