Fast vergessener DEFA-Film: Zwei DDR-Stars in nie im TV gezeigten Streifen
Die Filmemacher der DEFA hatten normalerweise vor allem mit den Zensurorganen der DDR zu kämpfen, wenn sie sich an brisante Stoffe wagten. Regisseur Egon Günther (1927–2017) konnte davon ein Lied singen: Immer wieder eckte er mit seinen Filmen bei den SED-Kulturpolitikern an. Sein Werk „Wenn du groß bist, lieber Adam“ fiel bereits dem SED-Kahlschlag-Plenum 1965 zum Opfer, bei dem zahlreiche DEFA-Filme auf den Index gesetzt wurden. Dieses Werk von Günther erlebte erst 1990, nach der friedlichen Revolution, seine Premiere.
Zensur in zwei Ostblock-Staaten
Anfang der 1970er-Jahre gerieten der Regisseur und sein Film „Die Schlüssel“ jedoch in die Mühlen der Zensur zweier Ostblock-Staaten. Nicht nur die ostdeutschen Prüfer nahmen das Werk unter die Lupe, sondern auch polnische Kulturpolitiker, wie der Filmwissenschaftler Philipp Zengel, zugleich Sprecher der DEFA-Stiftung, recherchiert hat. Die Stiftung hat „Die Schlüssel“ zum DEFA-Film des Monats gekürt, weil die Hauptdarstellerin Jutta Hoffmann am 3. März ihren 85. Geburtstag feierte.
Auch Jaecki Schwarz, ihr männlicher Partner in „Die Schlüssel“, beging jüngst mit seinem 80. Geburtstag ein rundes Jubiläum. Sowohl Schwarz als auch Hoffmann standen am Beginn einer großen Karriere, hatten aber auch schon einige viel beachtete Rollen in DEFA-Filmen gespielt. Schwarz in „Ich war neunzehn“ (1968). Jutta Hoffmann hatte bereits mehrfach mit Regisseur Günther zusammengearbeitet, unter anderem in „Der Dritte“ (1971). Schwarz und Hoffmann hatten vor „Die Schlüssel“ schon einmal gemeinsam vor der Kamera gestanden: mit Manfred Krug in dem Roadmovie „Weite Straßen – stille Liebe“ (1969).
Historischer Kontext: Polnisch-deutsche Beziehungen
Die Entstehung des Filmes „Die Schlüssel“ muss in den historischen Kontext gestellt werden, so Zengel. Noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg betrachteten sich Polen und Deutsche mit Misstrauen, Skepsis, ja Feindschaft. „Die Wahrnehmung der Polen in der DDR und – umgekehrt – der DDR-Bürger in Polen wurde jahrelang und beinahe ausschließlich durch propagandistische Klischees der Wochenschauen geprägt“, so der polnische Filmwissenschaftler Andrzej Gwóźdź.
Erst die Machtwechsel in Polen und der DDR sorgten für eine Annäherung: Edward Gierek löste 1970 Władysław Gomułka als Chef der kommunistischen Partei ab. Erich Honecker gewann 1971 den Machtkampf gegen Walter Ulbricht. Ab 1972 war der visafreie Grenzverkehr zwischen beiden Ländern möglich.
Handlung und innovative Regie
Zum Plot des Filmes: Ric und Klaus (Jutta Hoffmann und Jaecki Schwarz) machen sich nach Polen auf. Sie, die „lebenslustige Arbeiterin aus dem Glühlampenwerk“, er, der vorbildliche Student, sind frisch verliebt und planen ihren ersten Urlaub. Sie wollen den DDR-Alltag gegen das „freiere Polen“ tauschen, so Zengel. Am Flughafen treffen sie auf ein unbekanntes Ehepaar aus Krakau, das ihnen die Schlüssel zu ihrer Wohnung anvertraut.
Das Drehbuch stammt von der Schriftstellerin Helga Schütz, Günthers damaliger Lebensgefährtin. Gedreht wurde von April bis Juli 1972 vornehmlich in Krakau und Stettin. Günthers Regiestil war für die damalige Zeit fast schon revolutionär. Das Drehbuch ließ viel Raum für Improvisationen. Reale Drehorte, improvisierte Szenen, eine dynamische Kamera und natürliches Licht bestimmten den Film, so Gwóźdź: „Hätte es in der DDR-Kinematographie einst eine Art dekretierte Neue Welle gegeben, dann wäre Günthers Werk ein Paradebeispiel hierfür.“
Zensurschnitte und späte Premiere
Nach dem Abschluss der Dreharbeiten sollte es eineinhalb Jahre dauern, ehe „Die Schlüssel“ am 21. Februar 1974 im Berliner Kino International Premiere feierte. Die polnischen Kulturfunktionäre kritisierten den Film nach der Einsicht in die Rohfassung als „politisch und philosophisch falsch“. Daraufhin wurde „eine Reihe von Szenen stark beschnitten oder fiel der Zensur gänzlich zum Opfer“, erklärt Zengel.
Herausgeschnitten wurde unter anderem eine Sequenz an der Krakauer Marienkirche, in der der polnische Bischof Stefan Wyszyński zu sehen war. Er galt seit seiner Versöhnungsbotschaft an seine katholischen Amtsbrüder in der Bundesrepublik 1965 in seinem Heimatland als „Unperson“. Gekürzt wurde eine Aufnahme eines Konzerts des Rockstars Czesław Niemen, der in Polen umstritten war. Komplett eliminiert wurde eine Szene, in der Klaus von zwei Polen vor eine Gedenktafel gezerrt wurde, die an die im Zweiten Weltkrieg ermordeten Polen erinnerte.
Schwierige Verbreitung und Kritik
Auch nach der offiziellen Premiere wurde es dem Film „Die Schlüssel“ nicht leicht gemacht. Es gab nur wenige Kopien, sodass der Film längst nicht in allen Kinos zu sehen war. Zudem wurde eine Exportsperre verhängt. „Eine bereits angekündigte Vorführung im Rahmen der Viennale 1974 sowie eine Lizenzierung in die Bundesrepublik wurden gestoppt“, schreibt Zengel. Im DDR-Fernsehen lief der Film nie. Als der visafreie Reiseverkehr zwischen Polen und der DDR gestoppt wurde, durfte der Film gar nicht mehr gezeigt werden.
Die Filmkritik in der DDR äußerte sich skeptisch bis ablehnend. Die Rezensenten arbeiteten sich „fast ausnahmslos an dramaturgischen und formal-ästhetischen Aspekten“ ab, so Zengel. Er vermutet, dass die Schreiber einer Auseinandersetzung mit den inhaltlichen Themen aus dem Weg gehen wollten, insbesondere dem deutsch-polnischen Verhältnis oder der kritischen Sichtweise auf die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau.
Monolog zur Gleichberechtigung
Zu diesem Thema spricht Jutta Hoffmann einen grandiosen Monolog, gerichtet an Klaus, in einer leeren Straßenbahn: „Hochstehen wirste eines Tages und ich werde immer und immer und ewig und drei Tage lang Arbeiterin bleiben .... Und wenn ihr, die Ingenieure, die ich hoch achte, zusammensitzt und redet, wird deine Frau schweigsam daneben sitzen und hold und dämlich lächeln.“
Jutta Hoffmann erinnert in einem Zeitzeugengespräch 2013 an die Szene: Als unerwartet ein polnischer Straßenbahnfahrer hinzukam, habe sie von Egon Günther die Anweisung „Red’ mal mit ihm!“ erhalten. Es kam zu einem spontanen Gespräch, aus dem später ein Satz des Arbeiters entfernt wurde: „In deutscher Gefangenschaft nie gehungert, in russischer Gefangenschaft immer gehungert.“
Aktuell ist der Film „Die Schlüssel“ in der DEFA-Filmwelt auf YouTube verfügbar. Jutta Hoffmann erhielt 2017 den Deutschen Schauspielerpreis. Die 85-Jährige hat sich mittlerweile weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Jaecki Schwarz ist weiterhin als Schauspieler aktiv, bekannt unter anderem aus der Krimiserie „Ein starkes Team“.



