Maschinenmusik in sakralem Raum: Wismarer Kirche wird zur Klangwerkstatt
In der historischen St.-Georgen-Kirche in Wismar erklingen derzeit ungewöhnliche Töne, die nicht von traditionellen Instrumenten, sondern von umgebauten Alltagsmaschinen erzeugt werden. Der Klangkünstler Christof Schläger hat rund ein Dutzend seiner speziellen Klanginstallationen in dem sakralen Raum aufgebaut, die Besucher selbst über Schalter aktivieren können.
Vom Küchenmixer zum Musikinstrument
„Diese Instrumente sind zum Teil aus Gasheizungsventilen zusammengebaut, aus elektrischen Schreibmaschinen, Magneten, Waschmaschinen- oder Nähmotoren“, erklärt Christof Schläger. Sogar Sirenen und Motoren von Küchenmixern finden in seinen Kunstwerken Verwendung. Bei der Ausstellungseröffnung begeisterte der Künstler etwa 100 Besucher mit einem 25-minütigen Konzert seiner Maschinenorchester.
Die Installationen tragen kuriose Namen wie „Schwirrer“ oder „Rauscher“. Beim „Schwirrer“ drehen sich 64 Motoren von Nähmaschinen und erzeugen einen singenden, flötenden Ton. Beim „Rauscher“ strömt Luft über Ventile in mehrere Rohre und produziert ein charakteristisches Rauschen.
Klang ohne Lautsprecher
„Das Besondere bei dieser Ausstellung ist, dass die Klänge nicht elektronisch erzeugt werden, also nicht aus Lautsprechern kommen, sondern tatsächlich von den Maschinen selbst erzeugt werden“, betont die Musikwissenschaftlerin Simone Heilgendorff von der Universität Greifswald. In einer Zeit, in der Klänge meist reproduziert werden, biete diese Ausstellung ein authentisches Erlebnis.
Heilgendorff erklärt weiter: „Früher hat man gesagt: Der Strom kommt aus der Steckdose. Darüber hat man nicht weiter nachgedacht. Und jetzt kommt der Klang eben aus Lautsprechern oder Kopfhörern.“ Die Ausstellung in Wismar kehre zu den physischen Ursprüngen des Klangs zurück.
Vom Bergbau zur Klangkunst
Christof Schläger stammt eigentlich aus einer Bergbaufamilie und studierte Maschinenbau und Verfahrenstechnik. „Für mich war ganz klar: Wenn ich etwas im Leben machen will, ganz bestimmt nicht als Ingenieur oder im Bergbau“, erzählt der 68-Jährige. Vor 40 Jahren entstand seine erste Klangmaschine, nachdem er zuvor bereits Skulpturen aus alten Kartons, Lampen, Holzresten und Bustüren gebaut hatte.
Mit seiner Kunst, die ihn bereits nach Hongkong und New York führte, will Schläger das Gegenwärtige betonen. „Und das sind eben nicht klassische Instrumente, sondern das sind Maschinengeräusche, der Kaffeeautomat, das Rauschen der Autobahn.“ Um seine komplexen Maschinenorchester zu koordinieren, nutzt der Künstler Musiksoftware, für die er spezielle Partituren komponiert.
Historischer Ausstellungsort mit bewegter Geschichte
Die St.-Georgen-Kirche in der als Unesco-Weltkulturerbe anerkannten Altstadt von Wismar bietet mit ihrer besonderen Akustik den idealen Rahmen für die Klanginstallationen. „Der Klang ist von einer höheren Qualität, als wenn man das Ganze in einen trockenen Raum bringt, der nicht für Musik geeignet ist“, erklärt Heilgendorff. „Eine Kirche eignet sich dafür hervorragend.“
Kurator Ferdinand Ullrich, Vorsitzender des Kunstbeirats der Hansestadt Wismar, war vom ersten Moment an von der Kirche begeistert. „Ich habe St.-Georgen gesehen und war hingerissen“, erzählt er. „Wenn mittags die Sonne reinscheint, dann glüht der ganze Raum.“ An den Wänden hängende Bilder würden hier schnell untergehen, daher arbeite man bewusst mit dem Raum.
Die Kirche selbst hat eine bewegte Geschichte: Gebaut wurde die erste Kirche am heutigen Platz vor fast 800 Jahren, der Grundstein für den heutigen Bau wurde 1404 gelegt. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs trafen zwei Bomben die Kirche und beschädigten sie schwer. Nach langem Verfall wurde sie nach der Wende wiederaufgebaut und 2010 als Gotteshaus und Kulturkirche eröffnet.
Visuelles und akustisches Erlebnis
„Auch wenn man nichts hört, ist man allein von diesen Installationen fasziniert“, sagt Kurator Ullrich über die Ausstellung. Die Klangkunst verbinde Musik mit bildender Kunst und schaffe so ein einzigartiges Gesamterlebnis. Die Ausstellung läuft noch bis Ende März und ist täglich von 10.00 bis 16.00 Uhr geöffnet.
Christof Schläger plant derweil bereits sein nächstes Projekt: In seiner Maschinenhalle einer alten Zeche im nordrhein-westfälischen Herne im Ruhrgebiet will er einen Konzertsaal einrichten und dort eigene Konzerte veranstalten. Damit setzt der Künstler seine Vision fort, Alltagsmaschinen in ungewöhnliche Klangerzeuger zu verwandeln und traditionelle Musikvorstellungen herauszufordern.



