Schauspielstudenten auf Usedom: Kolumbus-Revue als politisches Zeitzeugnis
Die jüngste Premiere im Gelben Theater „Blechbüchse“ in Zinnowitz auf der Insel Usedom präsentiert sich als ungehemmt politische Jahrgangsinszenierung des dritten Studienjahres der Theaterakademie. Unter der Regie von Tilo Esche, Schauspieldirektor der Uckermärkischen Bühnen Schwedt, liefern die jungen Eleven einen überzeugenden Nachweis ihres gewachsenen schauspielerischen Handwerks. Die Energie, die von der Bühne ins begeisterte Publikum überschwappt, löst Szenenapplaus aus und provoziert spontane Jauchzer der Anerkennung.
Starker Jahrgang mit klarer Haltung
Die Absolventen überzeugen durchweg mit starkem Ensemblespiel, gemeinsamem Sprechgesang, ausdrucksstarkem Tanz und empathisch-emotionalen Auftritten. „Die wahre Geschichte des Christoph Kolumbus“ gilt für Anna Engel, Geschäftsführende Dramaturgin der Vorpommerschen Landesbühne und Leiterin der Theaterakademie, als rundum gelungener Leistungsnachweis eines „ganz starken Jahrgangs“. Sie begleitete die jungen Künstler von Anfang an und betont: „Ich bin stolz auf sie alle, ihre Leistungsstärke und ihr vielseitiges Vermögen, sich auf der Bühne überzeugend einzubringen.“
Allein die Stückauswahl sowie die bewusste Verfremdung von Handlungsort und -zeit fordern Publikum und Schauspielern viel ab. Der Titel verweist zwar auf historischen Stoff, überrascht jedoch durch klare politische Kritik an Herrschaftsverhältnissen, die von damals bis in die Gegenwart reichen.
Viele Analogien zum Hier und Jetzt
Wenn gefordert wird, dass Theater und Kunst politisch sein müssen, wird dieses Bühnenspiel mit kabarettistischen Elementen dieser Aufgabe mehr als gerecht. „Selbstverständlich war es auch unsere Grundhaltung, mit dieser Inszenierung zu zeigen, wo wir stehen“, bestätigt Anna Engel. Das Stück wird als Kooperation im Netzwerk viaTeatri mit den Uckermärkischen Bühnen Schwedt und der Oper im Schloss Stettin auch an weiteren Spielstätten aufgeführt.
Die zahlreichen musikalischen und kabarettistischen Szenen bieten eine Fülle von Analogien zwischen historischen und aktuellen Ereignissen. Selbst dem unbedarftesten Besucher wird deutlich, worum es im großen Spiel von Einfluss und Macht, Krieg, Propaganda und Menschenfeindlichkeit geht – unabhängig davon, ob die Schauplätze in den USA, Venezuela, der Ukraine, Grönland oder dem Nahen Osten angesiedelt sind.
Spätestens wenn die Akteure das Wirrwarr um lügenbehaftete Steuerpolitik und die wachsende Schere zwischen Arm und Reich schonungslos offenbaren, weiß man sich im Hier und Jetzt angekommen. Obwohl nicht alle Texte akustisch perfekt im Saal ankommen, lohnt es sich, das 140-minütige Spiel bis zum Finale durchzuhalten, das an klarer Haltung, mutiger Offenbarung und verschwenderischer Offenheit kaum zu überbieten ist.
Begeisterung über gemeinsame Energie
Zu den Premieren-Gästen gehörte Franziska Lange, Schwester der Elevin Lisa Franziska Lange. „Ich finde die Inszenierung einerseits sehr lustig, gewinne aber zugleich im Zusammenhang mit dem historischen Bezug neue Einsichten“, erklärt die junge Frau aus Frankfurt/Oder, die mit ihrer Familie angereist war.
Ihre Schwester war auch am Morgen nach der Premiere noch begeistert: „Ich fand die Energie, die wir im Spiel freigesetzt haben und die vom Publikum zurück auf die Bühne kam, ganz außerordentlich. Das habe ich so noch nie erlebt.“ Kleine Reserven gebe es immer, aber insgesamt sei das Ergebnis nach anderthalb Monaten Probenarbeit mehr als sehenswert.
Besonders anspruchsvoll war, dass jeder Schauspieler mehrere Rollen zu verkörpern hatte – einschließlich der Titelfigur des Christoph Kolumbus, die abwechselnd von mehreren Darstellern gespielt wird. Dieser Regietrick forderte auch die Zuschauer heraus, bereicherte jedoch das Gesamterlebnis.
Weitere Vorstellungen in der Blechbüchse Zinnowitz finden am 17. und 18. April, 9. Mai, 3., 11. und 30. Juni, 13. und 31. Juli, 7. und 17. August sowie 1. September statt. Karten sind unter der Telefonnummer 03971 2688800 erhältlich.



