Kunsttherapie in Vorpommern: Mit Lösungsorientiertem Malen Traumata bewältigen
Im Atelier von Ulrike Jünger in Rubenow bei Greifswald überlagern sich unzählige farbige Linien an den Malwänden. „Jede dieser Linien erzählt eine Geschichte“, erklärt die Kunsttherapeutin, die sowohl in Rubenow nahe Friedland als auch in Greifswald praktiziert. Die Geschichten beginnen oft mit schweren Lebensthemen und traumatischen Erlebnissen wie Missbrauch oder sexualisierter Gewalt, entwickeln sich jedoch zu ermutigenden Erzählungen, da der Malprozess bei der Bewältigung dieser Belastungen hilft.
Neutrale Bilder statt Trauma-Darstellung
Lösungsorientiertes Malen (LOM) ist die als Marke registrierte Therapiemethode, die Ulrike Jünger anwendet. Sie entdeckte diese Methode während ihrer Ausbildung zur Kunsttherapeutin und absolvierte ihre Weiterbildung bei den Entwicklern Bettina Egger und Jörg Merz am Institut für Humanistische Kunsttherapie in Zürich. „Wir malen nicht die Angst“, betont Jünger nachdrücklich. „Wir illustrieren und symbolisieren nicht das Trauma selbst.“
Stattdessen nutzt die Methode neutrale Metaphern in einfachen Formen und klaren Farben, um die Belastung zu mindern. Die Farbe wird mit den Fingern der ungeübten Hand aufgetragen – der kürzesten Verbindung zum Bild –, da die zugehörige Gehirnhälfte das Problem nicht bereits vielfach durchdacht hat.
Buch als Mutmacher für Betroffene und Fachleute
In ihrem Buch „Es gibt einen Weg“ (209 Seiten, 28 Euro, ISBN 979-8291981023) dokumentiert Ulrike Jünger zahlreiche Fallbeispiele und Erfahrungsberichte zum Lösungsorientierten Malen zur Traumabewältigung nach sexualisierter Gewalt. Der Malprozess kann sich über wenige oder mehrere Dutzend Bilder erstrecken und hilft, die Zeitfolge bewusst zu machen: „Wo ein Anfang ist, gibt es eine Zeit davor, und wo ein Ende ist, eine danach.“
Die 65-jährige Therapeutin möchte mit ihrer als „Mutbuch“ konzipierten Publikation sowohl Betroffene als auch Fachkollegen erreichen. Menschen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, will sie ermutigen, sich Hilfe zu suchen. Gleichzeitig richtet sich das Buch an Therapeuten, Beratungsstellenmitarbeiter und alle, die verstehen und helfen wollen. „Traut euch ans Trauma ran“, lautet der Appell der Autorin.
Kritik an der Einstellung des Bundes-Fonds
Besonders empört zeigt sich Ulrike Jünger über die Einstellung des Fonds sexueller Missbrauch durch die Bundesregierung im Jahr 2025 nach zwölf Jahren Laufzeit. Der Fonds, über den Unterstützung für therapeutische Hilfen beantragt werden konnte, wurde auch im aktuellen Jahr nicht wieder in den Haushalt aufgenommen. „Das ist eine Katastrophe für die Betroffenen, aber auch eine politische und soziale Katastrophe“, sagt Jünger.
In einer Zeit, in der die Gesellschaft durch aufgedeckte Vorfälle und Netzwerke für sexualisierte Gewalt sensibilisiert sein sollte, breche nun auch niedrigschwellige Unterstützung weg. Ihre Haltung ist eindeutig: „Menschen, die Gewalt erfahren haben, sollten nicht noch ein weiteres Mal dafür bezahlen müssen.“ Die Kunsttherapeutin betont, dass das Lösungsorientierte Malen wie viele andere Therapien nicht von den Krankenkassen finanziert wird, aber „Geld darf kein Hindernis sein“.
Die Methode gibt kein trügerisches Heilungsversprechen, sondern bringt den Umgang mit dem Trauma „in Bewegung und zur Beruhigung“. Traumatische Erlebnisse bleiben erinnerbar, jedoch ohne die zuvor aktiven Belastungsreaktionen. Neben sexualisierter Gewalt können auch Beziehungsprobleme, Angstzustände und andere Lebensbelastungen Menschen in Jüngers Atelier führen.



