Als Louis Armstrong die DDR eroberte und Schwerin dem Weltstar fast das Tourfinale verdarb
Im März 1965 reiste der amerikanische Jazzmusiker Louis Armstrong mit seiner All Star Band durch die Deutsche Demokratische Republik. Es war die erste große Tournee eines US-amerikanischen Showstars im Land, die an 17 Abenden in Berlin, Leipzig, Magdeburg, Erfurt und Schwerin stattfand und zehntausende Zuhörer begeisterte.
Eine Tournee mit politischem Hintergrund
Der 64-jährige Jazztrompeter, Spitzname „Satchmo“, kam direkt von Auftritten in Prag. Die Initiative für die Osteuropa-Tournee ging von seinem Management aus, unterstützt vom US-Außenministerium, das kulturelle Kontakte in den 1960er-Jahren als Teil seiner Außenpolitik verstand. In der DDR organisierte die Künstleragentur den Aufenthalt trotz knapper Devisen. Die Bezahlung übernahm ein Schweizer Geschäftsmann, der als Gegenleistung Waren aus DDR-Produktion wie Antiquitäten, Jagdwaffen aus Suhl und Optik von Carl Zeiss Jena erhielt.
Begeisterung in Berlin und anderen Städten
Am 19. März 1965 landete Armstrong auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld, wo ihm die „Jazzoptimisten Berlin“ das Stück „Sleepy Time“ vorspielten – der Musiker griff spontan zum Mikrofon und sang mit. Noch am selben Tag stellte er sich im Berliner Hotel Berolina den Fragen zahlreicher Journalisten aus Ost und West. Auf politische Themen reagierte er knapp und betonte, für alle Menschen zu spielen, unabhängig vom Land.
Gleich am nächsten Tag folgten die ersten Konzerte im Friedrichstadt-Palast. Innerhalb eines Tages waren sämtliche 18.000 Eintrittskarten verkauft. In mindestens einem der Berliner Konzerte trat Ella Fitzgerald gemeinsam mit Armstrong auf – ein besonderes Ereignis, das in den Zeitungen beider deutscher Staaten Beachtung fand.
Alltägliche Herausforderungen und persönliche Anekdoten
In den folgenden Wochen trat Armstrong fast täglich auf, oft zweimal pro Abend. Die Tour wurde von großem Publikumsinteresse begleitet; vielerorts bildeten sich Schlangen vor den Kassen. Zu seiner All-Star-Band gehörten Sängerin Jewel Brown, Posaunist Tyree Glenn, Pianist Billy Kyle, Bassist Arvell Shaw, Schlagzeuger Danny Barcelona und Klarinettist Eddie Shu.
Armstrong galt in dieser Zeit als professionell, höflich und humorvoll. Weil er stark schwitzte, benötigte er nach eigenen Angaben mehrere frische Hemden pro Abend. Nach seinen Auftritten aß er gern Eisbein, das er mehrfach ausdrücklich lobte. Zeitzeugen berichten, dass er dabei stets „Swiss Kriss“ zu sich nahm, ein von ihm geschätztes pflanzliches Abführmittel, das ihn angeblich fit halten sollte.
Schwerin als überraschende Ausnahme
Für Mecklenburg-Vorpommern ist vor allem der Auftritt in Schwerin unvergessen. Am 8. April 1965 spielte Armstrong in der Sport- und Kongresshalle – die letzte Station seiner DDR-Tournee. Doch anders als in Berlin oder Leipzig verlief hier nicht alles nach Plan. Der Termin war erst kurzfristig zustande gekommen. Angeblich soll ihn Schwerins Konzertdirektor Franz Tichatschke Armstrong persönlich in dessen Garderobe überredet haben.
Auch die Anreise war alles andere als komfortabel. Armstrong landete nicht direkt in Schwerin, sondern auf dem kleinen Flughafen Barth. Dort gab es zunächst eine Pause bei Kaffee und Kuchen in einer Baracke des Flugplatzes. Danach ging es auf eine lange Autofahrt Richtung Schwerin, über die der Weltstar angeblich ziemlich verärgert gewesen sein soll.
Ein Abend mit Hindernissen
In Schwerin zeigte sich dann die einzige echte Delle der DDR-Tournee: Der Kartenverkauf war schleppend verlaufen. Statt zwei geplanter Konzerte fand am Ende nur eines statt. Nur rund acht Tage vorher war das Ereignis überhaupt breiter bekannt geworden. Vielleicht war die Werbung zu kurzfristig, vielleicht lag es auch daran, dass in Schwerin damals andere Musiktrends stärker zogen. Manche vermuteten, dass die Beatles in der Gunst vieler Jüngerer schlicht weiter vorne lagen.
Trotzdem wurde der Abend für rund 4.000 Besucher zu einem besonderen Erlebnis. Um zu kaschieren, dass die Halle nicht ausverkauft war, wurde der hintere Bereich abgedunkelt. Armstrong, nach vier Wochen Tour und fast täglichen Auftritten sichtlich erschöpft, gab dennoch noch einmal alles. Die Erinnerung eines SVZ-Reporters ist besonders schön: Während des Spiels ging er in die Knie, kam nicht mehr richtig hoch – und spielte kurzerhand einfach auf dem Hosenboden weiter. Das Publikum tobte. Nach dem Konzert reiste Armstrong über den Flughafen Barth ab und flog nach West-Berlin.
Rückblick auf eine besondere Reise
Armstrongs DDR-Tournee im Frühjahr 1965 dauerte rund vier Wochen und führte ihn neben der DDR auch in mehrere andere Länder des Ostblocks. Seine Auftritte wurden in der Presse positiv aufgenommen; viele Besucher erinnerten sich Jahrzehnte später an die unverwechselbare Mischung aus Virtuosität, Humor und Nähe zum Publikum.
Als Armstrong nach den Konzerten gefragt wurde, erklärte er, er habe auf seiner Reise „keinen Eisernen Vorhang gesehen“. Seine Trompete und seine unverwechselbare Stimme hatten für einige Wochen einfach die Grenzen überwunden.



