Wenn ein Tod alles ändert: Absurde Netflix-Serie 'Kacken an der Havel' über ostdeutsche Provinz
Netflix-Serie 'Kacken an der Havel': Absurdität in ostdeutscher Provinz

Wenn ein Tod alles ändert: Absurde Netflix-Serie 'Kacken an der Havel' über ostdeutsche Provinz

Das alte Kinderzimmer im Haus der Eltern bleibt für viele ein zwiespältiger Ort. Falls Vati dort nicht endlich seine Bastelwerkstatt eröffnet hat oder Mutti ihre lang ersehnte Nähstube eingerichtet hat, konserviert es auf zwölf Quadratmetern eine Vergangenheit, die gleichermaßen wohlig und peinlich sein kann. Bei Toni Fleischer, der Hauptfigur der neuen Netflix-Serie Kacken an der Havel, besteht diese Vergangenheit aus Röhrenfernseher, Kassettendeck, Bravo-Postern, Zauberwürfel, Schulurkunden und einem Sperrholzbett im Muff zerplatzter Träume. Genauer gesagt, dem Traum von einer Karriere als Rapper.

Unfreiwillige Heimkehr nach Kacken an der Havel

Vor 14 Jahren zog Toni Fleischer aus der ostdeutschen Provinz nach Berlin, um seinen Rap-Traum zu verwirklichen. Doch wie angeblich so viele Millennials neigt auch er zu hedonistischer Planverschiebung und verkauft stattdessen seit Jahren Pizza. Wie krachend er gescheitert ist, wird ihm allerdings erst bewusst, als seine Mutter Wera stirbt. Während der Mittdreißiger gerade mal wieder bei einem HipHop-Contest versagt, wird er zur Beerdigung in seine Heimat zurückgerufen – nach Kacken an der Havel.

Dieser fiktive Ortsname ist Programm für die neunteilige Komödie. Offenbar wollten die Macher keinem der realen Brandenburger Orte wie Motzen und Kotzen oder dem schönen Scheißendorf zu nahetreten. Dennoch steht der Titel sinnbildlich für den absurden Humor der Serie.

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Die Gebrüder Schaad und ihre surrealen Welten

Hinter der Serie stehen die Geschwister Alex und Dimitrij Schaad, die seit ihrer Spätaussiedlung aus Kasachstan vor 33 Jahren mehr als Blutsverwandte sind. Schon in seinem Kurzfilmdebüt Invention of Trust hat der junge Regisseur Alex Schaad den älteren Dimitrij 2016 zum Hauptdarsteller gemacht und dafür einen Studenten-Oscar gewonnen. Sechs Jahre später schrieb Dimitrij das Drehbuch zur ebenfalls preisgekrönten SciFi-Lovestory Aus meiner Haut. Jetzt setzen sie ihre Kooperation mit Kacken an der Havel fort.

Die Idee zur Serie entstand im Familienurlaub in Schweden, als ein besoffener Landwirt das Wohnmobil der Schaads aus dem Sand ziehen musste. In der Serie erbt Toni Fleischer das Abschleppunternehmen seiner verstorbenen Mutter. Eigentlich will er nach der Beerdigung sofort wieder nach Berlin zurückkehren, doch Muttis Firma, verdrängte Erinnerungen und ein androgyner Junge namens Charly, der sich als sein 13-jähriger Sohn vorstellt, hindern den Rückkehrwilligen an der Abreise.

Ein Panoptikum skurriler Figuren

In Kacken an der Havel scheren sich weder Alex noch Dimitrij Schaad um Fußfesseln wie Realismus, Vernunft oder Logik. Während ein Plattenlabel drei Hits in zwei Wochen von Toni fordert, plagt sich der Prokrastinationsvirtuose – angemessen behäbig verkörpert vom schauspielerisch ausgebildeten Rapper Anton Fatoni Schneider – mit dem Dorfalltag herum.

Das Ensemble der Serie ist ein wahres Panoptikum skurriler Figuren:

  • Weras Mann Johnny Carrera (Dimitrij Schaad) nagt am Nervenkostüm seines Schwiegersohns
  • Tonis Schwester Nancy (Jördis Triebel) triezt ihn mit polizeilichem Zucht- und Ordnungsdrang
  • Ein sprechendes KI-Entlein redet ihm andauernd rein
  • Charly (Sky Arndt) kämpft verbissen um Papas Liebe
  • Ein sensibler Drogenboss (Marc Hosemann) drangsaliert das Reich der Dorfdiktatorin Veronica Ferres (gespielt von Veronica Ferres)

Die überforderte Hauptfigur ist in diesem Chaos fast ein Anker der Normalität.

Inszenatorische Besonderheiten und gesellschaftlicher Kommentar

Noch überdrehter als Dimitrij Schaads Panoptikum surrealer Knalltüten ist die Szenerie, in der sie agieren. Inszenatorisch zwischen Wes Anderson und American Dad angesiedelt, erinnert Kacken an der Havel nicht nur dem Namen nach an eine Nummernrevue der Generation Smartphone. Wenn Puppen-Laster kentern, Königsberger Klopse Traumata auslösen und Kameraschwenks Geräusche machen, erinnert das Ganze eher an eine Verkettung ulkiger TikTok-Memes als an klassisch geskriptetes Entertainment.

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Weil es Landei-Witze über Inzest, Dialekte, Kojoten, Steppenläufer, Trabis oder fehlende Netzabdeckung nur so hagelt, fragt man sich mitunter: Lachen die eine Großstadt bewohnenden Gebrüder Schaad ihre Provinz eigentlich an oder aus? Und ist das alles überhaupt zum Lachen? Ein Teil der Antworten könnte die Fernsehbevölkerung verunsichern, denn Kacken an der Havel ist vor allem eins: sich selbst genug.

Künstlerische Freiheit und mutiges Experiment

Über das fröhliche Chaos bizarrer Geistesblitze hinaus hat diese Boulevard of Broken Dreams zwei konkrete Anliegen: das HipHop-Business selbstironisch auf die Schippe zu nehmen und anders geschrieben, gedreht und gespielt zu werden, als es dem gefeierten Bühnenstar Dimitrij Schaad seit seinem Durchbruch in Marc-Uwe Klings Känguru-Chroniken meist angeboten wird.

Weil der geborene Komödiant magischen Realismus bevorzugt, hat er sich seinen Johnny Carrera im durchgeknallten Fantasiedorf Kacken persönlich auf den Leib geschrieben. Wie hoch der Bedarf danach ist, an der Seite solcher Witzfiguren zu spielen, zeigen große Stars in kleinen Rollen wie Matthias Brandt oder Edin Hasanovic.

Als dadaistische Blattgold-Narzissten im selbstverliebten Mainstream-Rap komplettieren sie das Ensemble einer Groteske, die gewiss nicht alle lustig finden werden – schon, weil man sie sogar ziemlich witzlos finden darf. Der Mut jedoch, alle Geschmacksgrenzen so fröhlich zu ignorieren, verdient in einer vielfach verzagten Film- und Fernsehlandschaft fast schon Hochachtung.

Die Comedy-Serie Kacken an der Havel startet am 26. Februar bei Netflix und verspricht eine erfrischend absurde Persiflage auf Provinzleben, Rap-Business und deutsche Fernsehkonventionen.