Von Paris nach München: Eine Operette wird zur Stadt-Satire
Preußen hat Bayern im Deutschen Krieg von 1866 besiegt. Oberregierungsrat Gröbner aus Berlin reist nach München, um aus der Stadt einen Zoo für die "wilden bajuwarischen Tiere" zu machen. So beginnt die Operette "Münchner Leben" mit Musik von Jacques Offenbach, die als Produktion der Kammeroper München im Prinzregententheater ihre Premiere feiert. Aris Alexander Blettenberg dirigiert das Werk, als Special Guest tritt Markus Stoll alias Harry G auf.
Zwei Zugereiste und ihre Perspektiven auf München
Aris Alexander Blettenberg, seit 2024 Musikchef der Kammeroper München, stammt ursprünglich aus Mülheim an der Ruhr. Er studierte Klavier und Dirigieren und bringt als "Zugereister" eine besondere Distanz zum Münchner Stadtleben mit. Markus Stoll, der durch seine grantelnde Kunstfigur Harry G bekannt wurde, hat BWL studiert und lebt seit 20 Jahren in München. Seine Mutter stammt aus Hausham, er selbst studierte in Innsbruck - "ich vereinige das Beste aus allen Welten", wie er selbstironisch bemerkt.
Von Offenbachs Pariser Vorlage zur Münchner Adaption
"Pariser Leben" bildet zu etwa zwei Dritteln die Grundlage für "Münchner Leben". Die Konstellation bleibt ähnlich: Zwei Fremde kommen am Hauptbahnhof an - bei Offenbach in Paris, bei der Münchner Version natürlich in der bayerischen Landeshauptstadt - und werden von Betrügern durch die Stadt geführt. "Betrüger gibt's in München doch gar nicht", scherzt Blettenberg als Lokalpatriot, während Stoll kontert: "Aber es gibt Spitzbuben. Und Freunderlwirtschaft."
Das restliche Drittel der Musik stammt aus anderen Werken Offenbachs. Für Szenen mit König Ludwig II. griff das Team auf "Le roi Carotte" zurück, dessen Musik an Richard Wagner erinnert. Neben dem Märchenkönig gehört auch die historische Hochstaplerin Adele Spitzeder zum Personal der Operette.
Zeitliche Brücken zwischen 1866 und heute
Obwohl die Handlung im Jahr 1866 spielt, schafft die Produktion bewusst Bezüge zur Gegenwart. Projizierte Fotos von Tobias Melle verbinden historische und moderne Elemente. Der Beginn der Geschichte am Hauptbahnhof sorgt für eine zwanglose Aktualität, wie Blettenberg erklärt: "Weil die Geschichte am Hauptbahnhof beginnt, ist eine Aktualität ganz zwanglos gegeben."
Harry G als Wiesnwirt mit Zukunftsvision
Markus Stoll spielt in "Münchner Leben" den falschen Wiesnwirt Korbinian Breznknödel, der in den preußischen Besuchern ein lukratives Geschäft wittert. In einer Szene entwickelt er eine Vision davon, wie das Oktoberfest in 150 Jahren aussehen könnte. Stoll betont, dass er als Schauspieler auftritt, nicht als Harry G: "Ich bin Herr Stoll, der einen Wiesnwirt mit einer Zukunftsvision spielt, der ein bisserl an Harry G erinnert."
Kritische Blicke auf Münchner Traditionen
Die Produktion nimmt auch Münchner Institutionen humorvoll aufs Korn. Stoll äußert sich kritisch zur "Oiden Wiesn": "Ich finde höchstens verrückt, dass neben der normalen Wiesn eine Oide Wiesn steht, die eigentlich eine Neue Wiesn ist und bei der wir den Leuten - mit hoffentlich nach modernen hygienischen Maßstäben gereinigten Steinkrügen - Nostalgie vorspielen."
Besonders absurd findet er den unterschiedlichen Umgang mit Eintrittsgeldern: "Außerdem kostet es Eintritt, während die Idee eines Eintritts bei der normalen Wiesn als Zumutung zurückgewiesen wird."
Die Herausforderung Offenbach
Für Blettenberg stellt die Musik Offenbachs besondere Anforderungen: "Offenbach braucht dieselbe Präzision wie Mozart. Die Musik sieht in den Noten sehr einfach aus, es gibt keine komplizierten Tonarten. Aber das macht sie so schwierig. Man muss als Interpret sehr genau sein."
Das Tempo sei entscheidend, sowohl in der Musik als auch in den Dialogen: "Die Gags müssen wie Ohrfeigen klatschen, und das zwei Stunden lang."
Theatererfahrungen und Zukunftsvisionen
Für Markus Stoll bedeutet die Teilnahme an der Produktion eine neue Erfahrung: "Als Solo-Künstler, der kurz vor dem 1.000 Auftritt steht, ist es eine völlig neue Erfahrung, dass neben mir plötzlich noch andere Mitspieler auf der Bühne stehen."
Zur Zukunft des Oktoberfests hat Stoll konkrete Vorstellungen: "Ich sehe schon in naher Zukunft eine Differenzierung weg von der Lederhosn zur Trachtenhose. Auch die Jeans ist wieder im Kommen - wie in meiner Jugend." Blettenberg ergänzt mit einem Augenzwinkern: "Vielleicht auch eine alkoholfreie Wiesn? Das ist doch der Trend. Oder KI-Kapellen."
Aufführungstermine und praktische Informationen
"Münchner Leben" ist im Prinzregententheater am 28. und 29. März sowie am 21., 22., 29. und 30. April zu sehen. Karten sind ab 66 Euro erhältlich. Die Produktion verbindet historische Elemente mit zeitgenössischer Kritik und bietet damit einen unterhaltsamen wie nachdenklichen Blick auf Münchner Traditionen und Eigenheiten.



