Oscar-Gewinner Talankin: Dokumentarfilm über Putins Schulen entfacht hitzige Debatte in Russland
Der Russe Pawel Talankin feiert seinen Oscar für den besten Dokumentarfilm mit dem Werk „Ein Nobody gegen Putin“, doch in seiner Heimat löst der Film eine kontroverse Auseinandersetzung aus. Selbst unter Kremlkritikern wird hitzig über die Doku gestritten, die die Indoktrinierung von Schülern im russischen Bildungssystem unter Wladimir Putin entlarvt.
Staatsmedien ignorieren Oscar-Erfolg
In Moskau herrscht am Tag nach der Oscar-Verleihung betretenes Schweigen. Während die Staatsmedien die Preisträger auflisten, fehlt der Name Pawel Talankin mit seinem preisgekrönten Dokumentarfilm. Der 35-jährige Filmemacher zeigt in seiner Arbeit, wie das Bildungssystem unter Putin auf Kriegspropaganda getrimmt wird, was Moskaus Machtapparat mit Verachtung quittiert. Kremlsprecher Dmitri Peskow äußert sich schmallippig und verweigert eine Stellungnahme, doch das Thema ist damit keineswegs abgeräumt.
Militarisierung des Schulalltags im Fokus
Der Film, der bis Ende April 2030 in der Arte-Mediathek verfügbar ist, bietet eine wichtige Innenansicht von Putins System. Talankin, ursprünglich als Videofilmer an einer Schule beschäftigt, dokumentiert die beispiellose Militarisierung des Schulalltags. In einer Sequenz ist Putin selbst zu sehen, der unter Bezug auf Otto von Bismarck erklärt, dass Kriege von Lehrern und Geistlichen gewonnen werden, nicht von Offizieren. Diese Aussage unterstreicht die strategische Bedeutung, die der Kreml der Bildung beimisst.
Kritik und Lob aus verschiedenen Lagern
Der russische Starregisseur Nikita Michalkow, selbst Oscar-Preisträger von 1995, bezeichnet den Film als unverschämtes „Manifest des Russenhasses“ und wirft Talankin vor, ein antirussisches Machwerk im Auftrag westlicher Geldgeber geschaffen zu haben. Die Koproduktion mit Dänemarks DR, der britischen BBC sowie ZDF und Arte nährt diese Vorwürfe. Demgegenüber lobt der im Exil lebende Filmkritiker Anton Dolin Talankins „heldenhafte“ Leistung, die nicht nur die Indoktrinierung von Schülern dokumentiere, sondern auch seine persönliche Wandlung vom loyalen Lehrer zum Kriegsgegner zeige.
Ethische Debatte um Kinderschutz
Ein besonders umstrittener Aspekt des Films ist die Frage nach der Sicherheit der Protagonisten. Talankin nutzt sein Vertrauensverhältnis zu Schülerinnen und Schülern, um sie zu Aussagen zu bringen, die sie einem fremden Filmemacher vielleicht verweigert hätten. Der von Putin gesteuerte Menschenrechtsrat des Kreml geht gegen den Film vor und wirft Verstöße gegen die UN-Kinderrechtskonvention vor, da Minderjährige ohne Einwilligung der Eltern für ein kommerzielles Projekt genutzt worden seien. Eltern hätten sich bereits an russische Behörden gewandt, um ihre Kinder zu schützen.
Flucht und historisches Zeugnis
Talankin, der in seiner Heimatstadt Karabasch im Ural aufwuchs, wo Umweltverschmutzung die Lebenserwartung drückt, ergreift nach Beginn des Ukraine-Kriegs die Flucht mit wertvollem Videomaterial. Der in Kopenhagen lebende US-Regisseur David Borenstein montiert daraus den Film, der beim Sundance Festival gefeiert und mit einem Bafta ausgezeichnet wurde. Bei der Oscar-Verleihung appelliert Talankin auf Russisch für den Frieden: „Um unserer Zukunft willen, für alle unsere Kinder, lasst uns alle Kriege beenden. Jetzt.“
Folgen für Talankin und Protagonisten
In Russland leben viele Menschen in Angst, da bereits geringe Kritik zu Haftstrafen führen kann. Talankin kann nicht mehr in seine Heimat zurückkehren; Michalkow nennt ihn auf seiner Plattform „besogon.tv“ einen „Verräter“ und rät ihm sogar zu einer Gesichtsoperation, um nicht aufgespürt zu werden. Dolin argumentiert jedoch, dass der Schulalltag in Russland den Kindern mehr schade als der Film, und betont, dass die Protagonisten mit dem Oscar-prämierten Werk vermutlich das beste Erlebnis ihres Lebens hätten. Talankin hat damit ein historisches Zeugnis ihrer Gedankenwelt geschaffen, das die Weltöffentlichkeit aufrüttelt.



