DDR-Kultserie „Spuk unterm Riesenrad“: Die erstaunlichen Geheimnisse hinter dem Fernsehklassiker
Der DDR-Fernsehklassiker „Spuk unterm Riesenrad“ begeistert Generationen bis in die Gegenwart. Die siebenteilige Kinderserie von C. U. Wiesner und Günter Meyer startete zu Neujahr 1979 im DDR-Fernsehen und entwickelte sich schnell zum absoluten Straßenfeger. Aus dem großen Fernseherfolg entstand später sogar ein zweiteiliger Kinofilm, der nicht nur im Kinderprogramm der DDR gezeigt wurde, sondern auch internationale Verbreitung fand. Jahrzehnte später erlebte der Stoff mit dem Kinofilm von 2024 eine erneute Renaissance; dessen deutscher Kinostart erfolgte am 22. Februar 2024.
Die magische Mischung aus Märchen und DDR-Alltag
Was die Serie bis heute so besonders macht, ist die einzigartige Verbindung von Märchenelementen, Großstadtalltag und spannendem Abenteuer. Die Kinder Keks, Umbo und Tammi erleben keinen fernen Zauberwald, sondern ein fantastisches Durcheinander mitten im realen Leben: in der Geisterbahn, auf Straßen und Plätzen, im Warenhaus und später während ihrer Reise in den Harz. Genau dieses Spiel zwischen vertrautem Alltag und unerwarteter Magie machte „Spuk unterm Riesenrad“ schon damals für junge Zuschauer fesselnd und für erwachsene Begleiter oft doppelt reizvoll.
Die Geschichte beginnt mit einer herrlich einfachen, fast anarchischen Idee: Drei Kinder wollen Figuren aus der Geisterbahn säubern, werfen sie kurzerhand in die Spree – und erwecken damit Hexe, Riese und Rumpelstilzchen zum Leben. Von diesem Moment an gerät alles außer Kontrolle. Die drei mythischen Wesen streifen durch die Stadt, probieren moderne Welt und alte Zauberkraft gegeneinander aus und sorgen für ein unvergessliches Chaos voller Staunen und Komik.
Legendäre Drehorte mit hohem Erinnerungswert
Die Drehorte tragen wesentlich zum anhaltenden Kultstatus der Serie bei. Gedreht wurde unter anderem im Kulturpark Plänterwald mit seinem ikonischen Riesenrad und der Geisterbahn, am Spreeufer, im Centrum-Warenhaus am Alexanderplatz sowie an malerischen Schauplätzen in Thale, Blankenburg und auf der Burg Falkenstein im Harz.
Besonders reizvoll für viele Fans ist die Erinnerung an den „Dämonenexpress“, also die Geisterbahn ihrer Kindheit. Die Serie verankerte diesen Ort tief in der DDR-Popkultur und darüber hinaus. Stark modernisiert existiert eine Geisterbahn bis heute. Auch der Schleppdampfer „Helene“, auf dem am Spreeufer gedreht wurde, gehört zu den interessanten Randnotizen der Produktion – das historische Schiff wurde später ausgemustert und 1986 schließlich abgewrackt.
Fast zensiert: Die politisch heikle Warenhaus-Episode
Eine der spannendsten Produktionsanekdoten betrifft die Folge „Alarm im Warenhaus“. Bei der Erstausstrahlung sollte sie zunächst gar nicht vollständig gezeigt werden. Der Grund war politisch heikel und zugleich sehr alltagsnah: Wegen eines Versorgungsengpasses mit Fleisch- und Wurstwaren in der DDR wollte das Fernsehen keine prall gefüllten Auslagen zeigen und keine Szene, in der der Riese Fleisch und Wurst eine Treppe hinunterfallen ließ.
Erst nach deutlichen Protesten von Autor und Regisseur wurde die Episode doch gesendet – allerdings zunächst in gekürzter Form. Später griff man bei Wiederholungen glücklicherweise auf die ungekürzte Originalfilmkopie zurück, sodass heutige Zuschauer die vollständige Fassung erleben können.
Schmerzhafte Spezialeffekte und Verletzungen am Set
Fast noch filmreifer ist die Geschichte um den „glühenden Finger“ des Rumpelstilzchens. Für eine Szene, in der die Figur ein Drahtgitter aufschweißt, bekam Darsteller Siegfried Seibt eine spezielle Finger-Maske mit elektrischer Glühlampe. Dazu kamen Rauch und eine präparierte Brennschicht am Gitter, damit der optische Trick überzeugend wirkte.
Doch der Effekt wurde am Set schmerzhaft echt: Seibt geriet mit dem Finger zu nah an den Draht, der Finger fing tatsächlich Feuer, und der Schauspieler zog sich Brandblasen zu. Trotz der Verletzung spielte er die Einstellung tapfer zu Ende, weil ein erneutes Anlegen der aufwendigen Maske zu viel wertvolle Drehzeit gekostet hätte.
Bei dieser Szene blieb es nicht. In der letzten Folge wurde Seibt durch seinen Kollegen Stefan Lisewski versehentlich so unglücklich getroffen, dass ihm zwei Rippen brachen. Umgekehrt verletzte sich Lisewski bei einer anderen Einstellung im Gesicht und fiel anschließend mehrere Tage für den Dreh aus.
Vom Serienerfolg zum eigenen Spuk-Universum
Nach dem überwältigenden Erfolg wurde „Spuk unterm Riesenrad“ zum Startpunkt einer ganzen Reihe. Es folgten „Spuk im Hochhaus“ und „Spuk von draußen“. Regisseur Günter Meyer baute damit eine eigene kleine DDR-Spukuniversum-Tradition auf. Ein nettes Detail für eingefleischte Fans: Meyer selbst hat in „Spuk unterm Riesenrad“ einen Cameoauftritt als Fahrgast im legendären „Dämonenexpress“.
Kultstatus über Generationen hinweg
Zur bemerkenswerten Langlebigkeit der Serie trug bei, dass sie immer wieder neu entdeckt und aufbereitet wurde. Die ursprünglichen sieben Folgen wurden später als Zweiteiler zusammengeschnitten. Hinzu kamen DVD- und Blu-ray-Veröffentlichungen sowie ein Hörspiel mit den originalen Stimmen. So blieb die Serie nicht nur eine ferne Erinnerung, sondern dauerhaft verfügbar für neue Generationen.
Gleichzeitig blieb die Reihe kulturell lebendig: Seit 2012 wurde „Spuk unterm Riesenrad“ sogar als Theaterstück inszeniert, unter anderem auch in Rostock. Spannend ist zudem, dass die meisten Kinderdarsteller später keine professionellen Schauspielkarrieren einschlugen. Gerade dieser Umstand verstärkt den Eindruck, ein authentisches Stück Alltagsgeschichte vor sich zu haben.
Der zeitlose Zauber einer außergewöhnlichen Serie
Der eigentliche Zauber von „Spuk unterm Riesenrad“ liegt jedoch tiefer als in jeder einzelnen Produktionsanekdote. Die Serie erzählt von kindlichem Unfug, kindlicher Angst, unstillbarer Neugier, echter Freundschaft und der grundlegenden Frage, ob aus vermeintlich bösen Figuren doch unerwartete Verbündete werden können. Hexe und Riese gewinnen im Verlauf der Handlung überraschend menschliche Züge, während das Rumpelstilzchen echten Machtwillen verkörpert. Für eine Kinderserie war diese Charakterzeichnung erstaunlich vielschichtig und differenziert.
So bleibt „Spuk unterm Riesenrad“ ein DDR-Klassiker, der weit mehr ist als bloße Nostalgie. Die Serie verbindet märchenhafte Einfälle mit genauer Alltagsbeobachtung, humorvollen Details und einer Produktion, über die es auch fast fünfzig Jahre später noch verblüffende Geschichten zu erzählen gibt. Sie dokumentiert nicht nur eine vergangene Fernsehära, sondern bewahrt auch ein Stück lebendiger DDR-Alltagskultur für die Nachwelt.



