James Turrells Lichtkunst verwandelt Oelsnitz: Sinnesverwirrung in alter Bergwerkshalle
Turrells Lichtkunst verwandelt Oelsnitz: Sinnesverwirrung in Bergwerkshalle

Weltberühmte Lichtkunst verwandelt Oelsnitzer Bergwerkshalle

Das kleine Bergarbeiterstädtchen Oelsnitz im Erzgebirge hat sich ein außergewöhnliches Kunstwerk gesichert: Die Lichtinstallation „Beyond Horizons“ des international gefeierten Künstlers James Turrell verwandelt eine wiederaufgebaute Werkstatt des ehemaligen Steinkohlenwerkes „Karl Liebknecht“ in einen Ort der Sinnesverwirrung und Wahrnehmungsverschiebung.

Ein Kunstereignis für Sachsen

Dass es gelungen ist, den 1943 in Los Angeles geborenen „Bildhauer des Lichts“ nach Sachsen zu holen, stellt ein bedeutendes kulturelles Ereignis dar. Turrell, der seit über fünf Jahrzehnten mit seinem Werk die Grenzen der Wahrnehmung erforscht, hat weltweit sogenannte „Kraftorte“ geschaffen – von Norwegen über Argentinien bis China. Nun bereichert seine Kunst für ganze 15 Jahre die Region um Chemnitz.

Die Halle selbst ist bereits ein Kunstwerk: Die ehemalige Schmiede des Bergbaubetriebes stand nach Schließung des Werkes unter Denkmalschutz und war mit der Zeit in sich zusammengefallen. Das regionale Architekturbüro H2 Architektur by Hendrik Heine nahm sich des Gebäudes an und schuf eine ungewöhnliche Interpretation von Denkmalschutz. Der Grundkörper wurde mit Cortenstahl verkleidet, während ein Stahlgerüst mit Grünanstrich die ursprünglichen Umrisse des Gebäudes nachzeichnet.

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Eine Reise durch zwölf Farbräume

Die Installation in Oelsnitz gehört zur Werkserie „Ganzfeld“ und nimmt bewusst Bezug auf die Bergbau-Vergangenheit der Region. Der Zugang zur Installation empfindet den Blick des Bergarbeiters nach, der aus dem dunklen Schacht ans Tageslicht strebt. Doch im Raum selbst verlieren sich alle vertrauten Bezugspunkte.

In zwölf aufeinanderfolgenden Farbräumen, die häufig durch Stroboskopflimmern abgelöst werden, wandelt sich der Raum scheinbar kontinuierlich. Wände sind oft nicht zu erkennen, höchstens eine mitunter heller leuchtende Rückwand gibt vage Orientierung. Wände und Boden sind mit einem speziellen, matten und schattenschluckenden Material in Weiß ausgekleidet, das die Farben geradezu dankbar aufnimmt und alle Konturen unsichtbar werden lässt.

Die Besucher erleben eine regelrechte „Auflösung von Zeit und Raum“ – wie in einen farbigen Nebel gehüllt, ohne Bezug zu Begrenzungen. Einzig die Anwesenheit anderer Besucher gibt Hinweise auf die eigene Position im Raum. Rot, Orange, Lila oder Weiß leuchten in wechselnden Intensitäten, die Töne mischen sich in sanften Übergängen.

Das rätselhafte Spiel mit der Wahrnehmung

Besonders faszinierend ist das Phänomen am Eingang der Installation: Über dem Durchgang sind bunte Röhren angebracht, die mal in der gleichen Farbe wie die Umgebung strahlen, mal im Kontrast dazu. Je nach Farbe des umgebenden Raumes erscheint der eigentlich weiße Eingang plötzlich in einer kontrastierenden Farbe – das menschliche Gehirn erzeugt diesen Effekt scheinbar von selbst.

Wenn die Wände grün leuchten, erscheint der Zugang braun bis schwarz; bei blauer Umgebung wirkt er orange bis gelb. Diese optische Täuschung entsteht, ohne dass Besucher bewusst darauf Einfluss nehmen könnten. Scheinwerfer oder Lampen sind nirgends zu sehen – das Geheimnis der Lichtquelle bleibt Teil der magischen Erfahrung.

Praktische Informationen für Besucher

Die Besuchszeit beträgt etwa 30 Minuten und erweist sich als überraschend kurzweilig. Maximal zwölf Personen werden pro Zeitfenster eingelassen, wobei täglich etwa zehn solcher Zeitfenster angeboten werden. Zwei Aufsichtspersonen in weißer Kleidung – vom Licht nahezu aufgesogen – beobachten das Geschehen und stehen für Fragen zur Verfügung.

Vor dem Besuch sollten unbedingt Tickets reserviert werden, da die Kapazitäten begrenzt sind. Wer einmal in Oelsnitz ist, kann gleich das spektakuläre Bergbau-Museum in der Nachbarschaft besichtigen und so die industrielle Vergangenheit der Region mit ihrer künstlerischen Gegenwart verbinden.

Teil eines größeren Kunstweges

Das Projekt „Beyond Horizons“ hat insgesamt sechseinhalb Millionen Euro gekostet, inklusive der aufwändigen Sanierung der Halle. Die Gemeinde Oelsnitz finanzierte das Vorhaben durch verschiedene Fördertöpfe, einen Eigenanteil und Mittel aus dem Kulturhauptstadtjahr.

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Die Installation ist Teil des „Purple Path“, eines Kunstweges, der 38 Kommunen verbindet und Kunstwerke – meist in Form von Skulpturen – an ungewöhnlichen Orten präsentiert: auf Bahnhöfen und in Parks, an Flussufern oder auf Industriebrachen. Mit Turrells Werk gewinnt Oelsnitz nicht nur kulturelles Ansehen, sondern bietet Besuchern eine einzigartige Erfahrung, die die Grenzen zwischen Kunst und Wahrnehmung neu definiert.