Verbotener DEFA-Film: Wie 'Geschlossene Gesellschaft' das DDR-System kritisierte
Ein einziger Fernsehabend im Jahr 1978 genügte, um einen bedeutenden DEFA-Film für Jahrzehnte aus der Öffentlichkeit verschwinden zu lassen. 'Geschlossene Gesellschaft' zeigte auf den ersten Blick eine intensive Ehekrise, doch zwischen den Zeilen verbarg sich eine schonungslose Kritik am politischen System der Deutschen Demokratischen Republik.
Eine verspätete Ausstrahlung mit fatalen Folgen
Am 29. November 1978 erlebte der Film seine einzige Fernsehausstrahlung zu DDR-Zeiten. Die Sendung begann mit fast einstündiger Verspätung und ohne nennenswerte Vorankündigung. Zuvor hatte das Programm eine überlange Unterhaltungssendung sowie einen zusätzlichen Dokumentarfilm eingeschoben. Bereits am folgenden Tag wurde 'Geschlossene Gesellschaft' offiziell verboten und verschwand für Jahre in den Archiven.
Regisseur und Darsteller mit politischer Vorgeschichte
Unter der Regie von Frank Beyer spielten die bekannten Schauspieler Jutta Hoffmann und Armin Mueller-Stahl die Hauptrollen. Alle drei Beteiligten hatten zuvor die Petition gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann unterzeichnet, was sie in den Augen der DDR-Führung zu politisch unzuverlässigen Personen machte. Diese Vorgeschichte trug wesentlich zur schnellen Verbotsentscheidung bei.
Ehekrise als Metapher für gesellschaftliche Zustände
Der Film erzählt die Geschichte eines Ehepaares, das sich zur Erholung aufs Land zurückzieht und dort von der gewohnten Umgebung abgeschnitten ist. Aus der geplanten privaten Auszeit entwickelt sich eine intensive Auseinandersetzung voller Lügen, Verdrängung und gegenseitiger Vorwürfe. Viele zeitgenössische Zuschauer erkannten in den Dialogen über Isolation, Perspektivlosigkeit und innere Erstarrung einen deutlichen Spiegel der DDR-Realität.
Künstlerische Freiheit versus staatliche Kontrolle
In der DDR durfte Kunst durchaus individuelle Krisen und persönliche Konflikte darstellen, jedoch keine strukturelle Kritik am Staat oder am sozialistischen System äußern. Genau diese Grenze überschritt 'Geschlossene Gesellschaft' nach Ansicht der Zensurbehörden. Der Film thematisierte nicht nur eine private Beziehungskrise, sondern implizit auch die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse der DDR.
Existentielle Konsequenzen für die Beteiligten
Das Verbot hatte schwerwiegende Folgen für mehrere Mitwirkende. Drehbuchautor Klaus Poche verließ noch im selben Jahr die DDR in Richtung Westdeutschland. Auch Armin Mueller-Stahl und später Jutta Hoffmann entschieden sich für die Ausreise in den Westen. Damit wurde der Film selbst zum lebendigen Beispiel dessen, was er eigentlich thematisierte: Einschränkung der persönlichen Freiheit und mangelnde Perspektiven.
Wiederentdeckung nach der politischen Wende
Erst nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende der DDR wurde 'Geschlossene Gesellschaft' wieder öffentlich zugänglich. Zeitweise war der Film in der ARD-Mediathek abrufbar, wie verschiedene Filmportale berichteten. Heute kursieren nicht autorisierte Kopien auf Videoplattformen wie YouTube, allerdings nicht als offizieller Upload der DEFA oder öffentlich-rechtlicher Sender.
Der Film gilt heute als eines der bedeutendsten und politisch brisantesten Werke der DEFA-Filmgeschichte. Seine Geschichte spiegelt die engen Grenzen künstlerischer Freiheit in der DDR und die Mechanismen staatlicher Zensur wider, die viele Künstlerinnen und Künstler in ihrer Arbeit einschränkten oder zur Ausreise bewegten.



