Stephan Zinners Fastenrede auf dem Nockherberg: Ein musikalischer Höhenflug mit moralischen Tiefpunkten
Stephan Zinner, der vielseitige Kabarettist, Schauspieler und Musiker, feierte kürzlich sein Debüt als Salvatorredner auf dem Münchner Nockherberg. Mit einer Mischung aus frechem Humor, musikalischer Begabung und einem Talent zum Derblecken versprach er eine Abkehr von moralinsauren Predigten der Vergangenheit. Doch sobald der erhobene Zeigefinger ins Spiel kam, verlor die Rede an Schwung und Lebendigkeit.
Ein hoffnungsvoller Auftakt mit oberbayerischem Charme
Zinner, bekannt als Söder-Double und Eberhofer-Star, brachte eine gute Ausgangslage mit. Seine Bühnenpräsenz war beeindruckend: stimmlich sicher, mimisch ausdrucksstark und sprachlich gewandt im Wechsel zwischen Hochdeutsch und Altbairisch. Besonders erfrischend war, dass er Politiker nicht mehr duzte, sondern wieder siezte – eine Wohltat für traditionelle Ohren. Die Rede war hinterfotzig, spontan und interaktiv gestaltet, zeigte aber auch eine gewisse Nervosität bei dieser Premiere.
Musikalische Höhepunkte und humorvolle Einlagen
Wo Zinner sang, rockte er den Saal mit Leichtigkeit und zog das Publikum in seinen Bann. Einige Passagen waren echt lustig und enthielten herrlich sinnfreie Blödeleien, leider jedoch in zu geringer Anzahl. Die beiden Zwischenspiele brachten Lacher, doch ein durchgängiges Feuerwerk an Schenkelklopfern blieb aus. Stattdessen folgten Saalkracher auf Momente der Langatmigkeit.
Der moralische Zeigefinger als Bremse
Die Schwächen der Rede traten besonders in jenen Passagen zutage, in denen Zinner das Derblecken verließ. Hier mahnte er pathetisch Polit-, Gerechtigkeits- oder Diskurs-Kultur an und wurde zum moralisierenden Prediger. Wie er selbst treffend anmerkte: „Wenn ich so daherred, sollte ich mir lieber das Pfarrersgwand ausm Fundus holen...“ Diese eingedrechselte, wohlfeile Meta-Ebene kostete die Performance an Dynamik und Witz.
Fazit: Weniger Moral, mehr Derblecken
Insgesamt bot Zinners Auftritt vielversprechende Ansätze, die in Zukunft ausgebaut werden könnten. Ein bisserl weniger erhobener Zeigefinger und ein bisserl mehr unverblümte Derbleckerei würden die Rede perfektionieren. Das Publikum darf auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr hoffen – die Mönchskutte kann dabei getrost im Schrank bleiben.



