Cees Nooteboom: Der reisende Poet Europas ist tot
Amsterdam • Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom, der als reisender Chronist Europas international gerühmt wurde, ist im Alter von 92 Jahren in seiner Wahlheimat auf der spanischen Insel Menorca verstorben. Der Autor, dessen Werk sich über mehr als sechs Jahrzehnte erstreckte, hinterlässt ein umfangreiches literarisches Erbe, das Romane, Gedichte, Essays und Reisebücher umfasst.
Die Reise als Lebens- und Schreibschule
Für Cees Nooteboom waren Reisen nicht nur eine Leidenschaft, sondern die Grundlage seines Schaffens. Immer wieder packte er seine Koffer, durchquerte Kontinente und lebte in verschiedenen Ländern, um die Welt zu sehen und zu verstehen. „Auf Reisen lernt ein Mensch sich selbst kennen“, zitierte er einmal einen arabischen Philosophen. In seinem Essay von 2002 beschrieb er den wahren Reisenden als jemanden, der sich im Auge des Sturms befindet: „Der Sturm ist die Welt, das Auge ist das, womit er die Welt betrachtet. Im Auge ist es still, und wer sich darin befindet, kann gerade die Dinge unterscheiden, die den Sesshaften entgehen.“
Nach dem Gymnasium wurde das Reisen für Nooteboom zur Schreibschule. Als junger Mann entschied er nach der Veröffentlichung seines romantischen Debütromans „Philip und die anderen“ im Jahr 1955: „Die übertriebene Lyrik muss aus meinen Werken heraus.“ Er erkannte, dass zum Schreiben eine gewisse connaissance du monde nötig sei, und begab sich auf Reisen, um diese Weltkenntnis zu erlangen.
Augenzeuge historischer Ereignisse
Im Auftrag niederländischer Zeitungen reiste der junge Nooteboom durch Europa und wurde zum Augenzeugen bedeutender historischer Ereignisse. 1956 erlebte er in Budapest den russischen Einmarsch, im Mai 1968 berichtete er von der Studentenrevolte in Paris, und 1963 kam er erstmals nach Berlin. Fast zufällig wurde er 26 Jahre später in Berlin Zeuge des Mauerfalls. Nooteboom blieb in der Stadt und beschrieb, wie Geschichte und Gegenwart miteinander verschmolzen. Seine „Berliner Notizen“ dokumentieren die Beobachtungen aus der Metropole, in der er zwischen 1989 und 2009 immer wieder lebte.
Ein Bildhauer der Sprache
In über 60 Jahren veröffentlichte Nooteboom zahlreiche Werke, die ihn in vielen Ländern ehren und auszeichnen ließen. Doch das Schreiben fiel ihm nicht leicht, wie er einmal einräumte. Er rang mit jedem Wort und ziselierte seine Sätze wie ein Bildhauer, der mit einem feinen Messer ein Porträt aus einem Stein schnitzt. Sein internationaler Durchbruch als Romancier gelang ihm 1980 mit „Rituale“, einer tragisch-komischen Geschichte des Händlers und Frauenliebhabers Inni Wintrop, die später verfilmt wurde. Dieser Roman bündelt seine zentralen Themen: die Existenz des Menschen in der Zeit und die Erinnerung. „Die Erinnerung ist wie ein Hund, der sich hinlegt, wo er will“, sagt eine Hauptperson darin.
Weitere Romane wie „Die folgende Geschichte“ (1991) und „Allerseelen“ (1998) festigten seinen Ruf als großer Erzähler. In „Allerseelen“ ringt der niederländische Kameramann Arthur Daane, der eine ahistorische Welt filmen will, mit der Erinnerung. Obwohl Nooteboom sich selbst eher als Lyriker denn als Romancier sah, waren alle seine Werke eng miteinander verbunden.
Wurzeln in den Niederlanden, Heimat in der Sprache
Die Wurzeln des Weltbürgers lagen in den Niederlanden. Mit seiner Frau, der Fotografin Simone Sassen, lebte er abwechselnd in Amsterdam und auf Menorca. Leser lernten sein Haus und den Garten auf der Insel durch seine Werke kennen. Doch Heimat war für den reisenden Poeten nicht primär ein Ort, sondern die Sprache. Obwohl er viele Sprachen sprach, konnte er Bücher nur auf Niederländisch schreiben, wie er einmal sagte. Damit wurde seine Heimatsprache für den Reisenden paradoxerweise zu einem Gefängnis: „Ich komme nie raus, es sei denn, durch eine gute Übersetzung.“
Cees Nooteboom hinterlässt ein Werk, das als Chronik Europas und als tiefgründige Reflexion über Reisen, Erinnerung und menschliche Existenz bleibt. Sein Tod markiert das Ende einer Ära in der europäischen Literatur.



