Judith Hermanns persönliche Spurensuche: Auf den Spuren des Nazi-Großvaters
In einem ihrer intimsten Werke begibt sich die renommierte Schriftstellerin Judith Hermann auf eine tiefgründige und emotionale Reise nach Polen. Ihr Ziel: Ein lange gehütetes Familiengeheimnis zu ergründen, das sich um die SS-Vergangenheit ihres Großvaters rankt. Das Buch „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ entpuppt sich als eine außergewöhnliche Mischform zwischen Roman, Reportage und persönlicher Dokumentation.
Das offene Geheimnis einer SS-Vergangenheit
„Die SS-Vergangenheit meines Großvaters ist ein offenes Geheimnis, sie existiert und wird zugleich geleugnet“, schreibt Judith Hermann in ihrem Werk. Ihr Großvater war nicht nur überzeugter Nationalsozialist, sondern auch aktives Mitglied der Waffen-SS. Ein bleibendes Zeugnis dieser Zeit trug er bis zu seinem Lebensende auf der Haut: Eine SS-Tätowierung auf der Innenseite seines Armes, die er nach Kriegsende bewusst nicht entfernen ließ.
Doch abgesehen von diesem verblassten, blassblauen Symbol auf der Haut erinnerte in der Familie kaum etwas an diese dunkle Vergangenheit. Ein Schweigen, das Generationen überdauerte und die Schriftstellerin schließlich dazu trieb, mit über 50 Jahren aktiv nach Antworten zu suchen.
Die Reise nach Radom: Auf der Suche nach Spuren
In einem bitterkalten Februar macht sich Judith Hermann auf den Weg nach Radom, einer polnischen Großstadt etwa 100 Kilometer südlich von Warschau. Hier hielt sich ihr Großvater nachweislich während des Krieges auf – in einer Stadt, deren jüdische Bevölkerung fast vollständig von deutschen Besatzern ermordet wurde.
Ein zutiefst verstörendes Foto aus dieser Zeit zeigt den Großvater auf einem SS-Motorrad, umgeben von zwei weiteren jungen Männern. „Ein Schnappschuss unter Freunden“, wie Hermann beschreibt, der jedoch eine schreckliche Realität verbirgt. Die Männer wirken unbeschwert und gut gelaunt, während um sie herum eine der größten menschlichen Tragödien des 20. Jahrhunderts ihren Lauf nahm.
Eisige Begegnungen und familiäres Schweigen
Das heutige Radom begegnet der Schriftstellerin mit eisiger Kälte – sowohl klimatisch als auch emotional. Als Nachfahrin eines deutschen Besatzers erfährt sie Ablehnung und Distanz. Doch noch schmerzlicher ist die Reaktion innerhalb der eigenen Familie.
Ihre Mutter, die den Großvater selbst kaum kannte, empfindet die Spurensuche als „bedrückend“ und wirft der Tochter vor, die Familiengeschichte zu literarisieren. Auch die Schwester der Autorin, eine Archäologin, die beruflich mit Vergangenheit arbeitet, verweigert sich dem Thema – besonders im Hinblick auf ihre eigenen Kinder.
Das Scheitern der Spurensuche und seine Bedeutung
Letztlich bleibt die Suche nach dem Großvater fragmentarisch und unbefriedigend. „Er hat keine Geschichte, also kann ich keine aus ihm machen“, resümiert Judith Hermann enttäuscht. Das Bild des Großvaters bleibt unscharf, die konkreten Fakten über sein Wirken in Radom lückenhaft.
Doch gerade in diesem Scheitern liegt die eigentliche Stärke des Buches. Es entwickelt sich von der konkreten Suche nach einem Familienmitglied zu einer universellen Reflexion über Erinnern und Vergessen in deutschen Familiengeschichten. Die persönliche Reise wird zur Metapher für den Umgang mit historischer Schuld über Generationen hinweg.
Judith Hermanns Werk ist keine einfache Aufarbeitung, sondern eine melancholische Meditation über die Grenzen des Wissens und die Last des Schweigens. Es zeigt, wie Vergangenheit auch dann weiterwirkt, wenn sie nicht ausgesprochen wird – und wie das Fehlen von Geschichten manchmal die mächtigste Geschichte von allen sein kann.



