Wildenhains Roman: Proletarierkindheit und Linksterrorismus im West-Berlin der 70er
Der Berliner Schriftsteller Michael Wildenhain entführt seine Leser in seinem neuen Roman „Das Ende vom Lied“ in das West-Berlin der frühen Siebzigerjahre. In dieser atmosphärisch dichten Erzählung vermischt er eine wild bewegte Proletarierkindheit mit den historischen Anfängen des deutschen Linksterrorismus nach der Revolte von 1968. Der Roman, der im Jahr 1970 spielt, bietet einen tiefen Einblick in eine vergangene Ära der geteilten Stadt.
Ein junger Held in einer aufgewühlten Zeit
Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein 13-jähriger Protagonist, der in den Straßen West-Berlins aufwächst. Der Junge begeistert sich leidenschaftlich für den Boxsport, durchlebt die ersten Qualen der Jugendliebe und wird ungewollt in die aufkeimende Szene des Linksterrorismus hineingezogen. Wildenhain, selbst 1958 geboren und in West-Berlin aufgewachsen, verleiht der Erzählung durch offensichtlich autobiografische Elemente eine besondere Authentizität und emotionale Tiefe.
In einer Schlüsselszene wird der junge Held bei einer Diskussion radikaler Linker zum unfreiwilligen Zuhörer. „Von Waffen ist die Rede. Tupamaros, das Wort gefällt mir. Von einer Bombe, die nicht explodiert ist. Ich spitze die Ohren“, lässt der Autor seinen Protagonisten innerlich monologisieren. Diese Passage verdeutlicht, wie alltäglich und zugleich bedrohlich die politischen Unruhen jener Zeit für die Bewohner der Mauerstadt waren.
Zeitgeschichte und persönliche Erinnerungen verschmelzen
Wildenhain, der bereits mit Werken wie „Das Lächeln der Alligatoren“ literarische Anerkennung fand, verwebt in seinem neuen Roman geschickt zeitgeschichtliche Fakten mit persönlichen Erinnerungen. Er thematisiert das Mitmischen von Verfassungsschutzspitzeln bei linksradikalen Gewalttaten und zeichnet gleichzeitig ein einfühlsames Porträt einer proletarischen Kindheit.
Die Familie des jungen Helden ist geprägt von den Narben der Vergangenheit: Der Vater, liebevoll aber durch eine Kriegsverletzung mit einer Beinprothese gezeichnet, und die aus dem Osten stammende Mutter, verstört und emotional unzugänglich, bilden den Hintergrund für seine Suche nach Halt und Identität.
Schauplatz Schöneberg und historische Figuren
Der Roman spielt überwiegend im West-Berliner Stadtteil Schöneberg, genauer in der Belziger Straße, die als Mikrokosmos der damaligen Gesellschaft dient. Neben dem Mädchen Alina und dem ruppigen, etwas älteren Gefährten Körschi taucht eine Figur auf, die an den 1971 von der Polizei erschossenen Anarchisten Georg von Rauch angelehnt ist. Diese Charaktere bereichern die Handlung und verankern sie fest im historischen Kontext.
In „Das Ende vom Lied“ wird gelitten und gestorben, zugeschlagen und gebrüllt – doch trotz aller Härten und Konflikte huldigt Wildenhain mitunter nostalgisch gerührt einem untergegangenen Paradies. Sein Roman ist nicht nur eine Coming-of-Age-Geschichte, sondern auch ein literarisches Denkmal für eine einzigartige urbane Kultur, die im Schatten der Mauer entstand und heute längst verschwunden ist.
Durch seine lebendige Sprache und detailreiche Schilderungen gelingt es Wildenhain, die Atmosphäre des West-Berlins der Siebzigerjahre wiederauferstehen zu lassen. Der Roman ist somit eine wertvolle historische Quelle und zugleich eine fesselnde literarische Reise in eine vergangene Welt.



