Uraufführung unter Simon Rattle: Francisco Colls Klavierkonzert mit Kirill Gerstein begeistert im Herkulessaal
Colls Klavierkonzert-Uraufführung mit Rattle und Gerstein

Ein klangliches Wunderland: Francisco Colls Klavierkonzert erlebt seine Uraufführung

Im prächtigen Herkulessaal in München fand am 27. März 2026 ein bedeutendes musikalisches Ereignis statt. Unter der Leitung des renommierten Dirigenten Simon Rattle führte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BR) die Uraufführung des Klavierkonzerts von Francisco Coll auf. Am Flügel saß der gefeierte Pianist Kirill Gerstein, der das Werk mit beeindruckender Virtuosität interpretierte. Nach dem Konzert umarmte der Komponist Coll sichtlich bewegt den Solisten, während Rattle seine Anerkennung zeigte.

Eine Renaissance des Solo-Konzerts

Der Musikwissenschaftler Volker Scherliess hat bereits vor über 25 Jahren die These aufgestellt, dass das Solo-Konzert seit den 1970er Jahren eine Renaissance erlebt. Diese These findet in Colls Werk eine überzeugende Bestätigung. Der 1985 in Spanien geborene und in Luzern lebende Komponist vereint in seinem Klavierkonzert unterschiedliche Positionen der Gattung auf einzigartige Weise.

Das Stück präsentiert sich als eine faszinierende Mischung:

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  • Einerseits erinnert es an eine groteske Persiflage eines überromantischen Virtuosenkonzerts mit vollgriffigen Kadenzen.
  • Andererseits folgt es einem klassischen Aufbau mit zwei schnellen Ecksätzen, die einen gemäßigten Mittelsatz umrahmen.
  • Das Verhältnis zwischen Klavier und Orchester wird vielfältig ausgelotet – sie agieren gegeneinander, spielen sich die Bälle zu oder bilden gemeinsam eine große Jazz-Combo.

Der Klang erinnert an eine effektreiche Kombination aus Thomas Adès, bei dem Coll studierte, sowie den Opern „Alice in Wonderland“ von Unsuk Chin und „Babylon“ von Jörg Widmann, leicht gewürzt mit Anklängen an György Ligeti. Kirill Gerstein erwies sich als idealer Interpret, da er bereits 2024 Colls „Two Waltzes Toward Civilization“ uraufgeführt hatte und somit als Coll-Experte gilt.

Das Orchester als stabilisierende Kraft

Es war dem BR-Symphonieorchester zu verdanken, dass das komplexe Werk nicht aus dem Ruder lief. Unter der präzisen Leitung von Simon Rattle gelang eine dynamisch perfekt ausbalancierte Darbietung. Diese Präzision zeigte sich bereits zuvor in den „Dances from Don Quixote“ von Roberto Gerhard aus dem Jahr 1958. Im Vergleich zu anderen Don-Quixote-Vertonungen, wie jener von Erich Wolfgang Korngold oder Richard Strauss, die eine hochkomplexe Tragikomik einfangen, setzt Gerhard eher auf bizarre Komik.

Den programmatischen Abschluss bildete die jazzig-ironische Ballett-Suite „Les biches“ von Francis Poulenc, die einen sinnstiftenden Kreis schloss.

Debussys „La mer“ als Glanzpunkt

Das eigentliche Aha-Erlebnis des Abends war jedoch die Aufführung von „La mer“ von Claude Debussy. Simon Rattle, der diese drei symphonischen Meeresskizzen wie aus dem Effeff kennt, dirigierte das Werk auswendig. Die Partitur birgt einige Tücken, insbesondere in der Koordination der Klangfarbendramaturgie und der dynamischen Balance.

Rattle vermied jede Form von ohrenbetäubender Überwältigung und setzte stattdessen auf ein glasklares, farbenreich schillerndes Sezieren. Dies stand in starkem Kontrast zu früheren Interpretationen, wie Christian Thielemanns eher brachialer Version mit den Münchner Philharmonikern im Jahr 2011 oder der weniger differenzierten Darbietung von Lahav Shani beim Lucerne Festival 2024.

Rattle konnte sich blind auf sein hellhöriges, perfekt intonierendes BR-Orchester verlassen – das Ergebnis war ein berauschend sinnliches Klangerlebnis, ein wahres Fest für die Ohren. Die Uraufführung von Colls Klavierkonzert markiert somit nicht nur einen Höhepunkt in der aktuellen Konzertsaison, sondern unterstreicht auch die anhaltende Vitalität und Innovationskraft der zeitgenössischen Musik.

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