Florence and the Machine: Ein Abend der Heilung und Ekstase in München
Die ausverkaufte Münchner Olympiahalle verwandelte sich in einen magischen Raum der Transformation, als Florence and the Machine die Bühne betraten. Florence Welch, die charismatische Frontfrau, eröffnete das Konzert mit dem düsteren Titeltrack ihres neuen Albums „Everybody Scream“, der sofort eine intensive, fast schamanistische Atmosphäre schuf.
Theatralische Inszenierung mit historischen Symbolen
Bereits vor Beginn spannte sich ein großes Tuch über den Bühnensteg, das mit historisch anmutenden Zeichnungen von Heilpflanzen und sogenannten Hexenkräutern bedeckt war. Als das Licht erlosch, wurde das Tuch von innen blitzlichtartig bestrahlt, dahinter krümmten sich Frauenleiber in einem unheilvollen Schattentheater. Welch erschien schließlich in einem schwarzen, seidig-weitärmeligen Gewand und stieg wie eine Hohepriesterin aus der Bühnentiefe empor.
Vier Tänzerinnen in Schwarz, die als Hexen-Chor auch den Background-Gesang übernahmen, begleiteten sie durch den Abend. Ihre Bewegungen reichten von konvulsivischem Tanz bis zum Kriechen über den Steg, während Welch selbst zwischen ekstatischen Aufschwüngen und bodenständigen Momenten pendelte – mal mit ausgebreiteten Armen zum Himmel blickend, mal barfüßig über die Bühne tanzend.
Persönlicher Schmerz als künstlerischer Antrieb
Am Ende des Abends dankte die 39-jährige Britin dem Publikum herzlich und sprach offen über die Entstehung ihres Albums: „Being out here with you - it helps me make sense of it.“ Die meisten Fans wussten, worauf sie anspielte: Während ihrer letzten Tournee erlitt Welch eine lebensbedrohliche Eileiterschwangerschaft, die zu einer Notoperation und Fehlgeburt führte.
Diese traumatische Erfahrung verarbeitete sie in ihrem neuen Werk, das sich intensiv mit Sterblichkeit, körperlichen Grenzen und dem Druck des Künstlerdaseins auseinandersetzt. In „Everybody Scream“ singt sie: „Blood on the stage, but how can I leave you when you screaming my name?“ – eine direkte Referenz zu ihren Erlebnissen.
Von düsterem Gothic Rock zu filigranem Art-Pop
Der Sound der Band bewegte sich zwischen wuchtigem Gothic Rock und filigranem, barockem Art-Pop. Perlende Harfenklänge schufen ruhige Momente, in denen die Halle vollkommen still wurde, während Welch mit ausgebreiteten Händen am Steg stand. Zur Dramaturgie gehörten auch direkte Interaktionen: Sie legte den Finger auf die Lippen, um Stille zu gebieten, dirigierte die Menge mit hoheitsvollen Gesten und wandelte später an den vorderen Reihen entlang, wo einige Fans bei ihrer Berührung in Tränen ausbrachen.
Über dem Steg hing ein mächtiger Screen, der Welchs Gesicht und Körper in farbigen Schlieren vervielfältigte – eine visuelle Repräsentation ihrer Aura in 70er-Jahre-Ästhetik. Auch hinten bei der Band war sie im Videobild zu sehen, die zentrale Figur des Abends in mehrfacher Ausführung.
Alte Hits und neue Beschwörungsformeln
Welch streute Klassiker wie „Shake it Out“ und „Dog Days Are Over“ ein, die trotz ihrer Behauptung, manche Songs eigentlich nicht mehr singen zu wollen, frische Ekstase erzeugten. In „Never Let Me Go“ wurde der Refrain zu einer gemeinsam gesungenen Beschwörungsformel, die das gesamte Konzert wie eine Trostmesse wirken ließ.
Gegen Ende forderte Welch das Publikum auf, die Handys auszuschalten und sich von Aufnahmegeräten zu befreien. Alle sprangen unter ihrer Anleitung gemeinsam in die Luft. Bei „Free“ entfesselten sich die Tänzerinnen in scheinbar wild improvisierten Bewegungen, bevor das Konzert mit „And Love“ endete. Der Refrain „Peace is coming“ wurde von Welch so eindringlich wispernd wiederholt, dass er wie ein letztes, glaubwürdiges Mantra des Abends wirkte.
Trotz der durchgetakteten Choreografie und reproduzierbaren Inszenierung war es ein erinnerungswürdiger Abend, der tiefe persönliche Verletzung in kollektive Heilung verwandelte. Florence Welch bewies einmal mehr, dass sie nicht nur eine außergewöhnliche Sängerin, sondern auch eine meisterhafte Ritualleiterin ist, die mit schwarzer Magie und schreiender Therapie Schutz und Transformation verspricht.



