Jessie Ware: Eine glorreiche Halunkin befreit sich von sexistischen Altersdogmen
Frauen über 40 gelten in der Popkultur oft als nicht mehr sexy? Jessie Ware, die britische Sängerin und erfolgreiche Food-Podcasterin, stellt sich mit ihrem neuen Album "Superbloom" entschlossen gegen dieses sexistische Dogma. Auf ihrem fünften Studioalbum lässt die 41-Jährige ihren Gelüsten freien Lauf und präsentiert einige der saftigsten und souveränsten Songs ihrer bisherigen Karriere.
Provokation mit Stil: Von Wildwest-Dominas bis zu Spaghetti-Western-Samples
Die größte Unverschämtheit im skandalösen Video zu ihrem neuen Song "Ride" ist nicht etwa, dass Ware darin den als Cowboy verkleideten Schauspieler James Norton wie eine Wildwest-Domina reitet. Nein, die eigentliche Frechheit besteht darin, dass sie den zackigen Elektrobeat mit Ennio Morricones ikonischem Pfeif-Thema aus dem Spaghetti-Western "Zwei glorreiche Halunken" garniert hat. Diese popkulturelle Referenz, längst durchverwurstet und von jüngeren Generationen kaum noch gekannt, erfordert Mut – und funktioniert erstaunlich gut.
Mit "Superbloom", was sich als "Superblüte" übersetzen lässt, macht sich Jessie Ware vollständig frei: sowohl von möglichen Vorwürfen, sie würde wie andere reife Disco-Queens einfallslos ihre Masche ausleiern, als auch vom sexistischen Diktat, das Frauen ab einem bestimmten Alter vorschreibt, sich nicht mehr als sexuelle Wesen mit eigenen Lüsten und Leidenschaften zu präsentieren.
Von der schüchternen R&B-Diva zur selbstbewussten Disco-Queen
Jessie Wares musikalische Entwicklung ist bemerkenswert. Ihr gefeiertes Debüt "Devotion" aus dem Jahr 2012 präsentierte sie noch als fragile R&B-Diva, die zarte Trip-Hop-Tracks hauchte – eine Rolle, die ihrer extrovertierten Persönlichkeit kaum entsprach. Ihr wahres Talent zur Klatschtante lebt sie seit Jahren erfolgreich in ihrem Podcast "Table Manners" aus, den sie gemeinsam mit ihrer redegewandten Mutter Lennie produziert.
Inzwischen ist Jessie Ware, die seit 2014 mit ihrem Jugendschwarm verheiratet ist und drei Kinder hat, als Podcast-Hostin in Großbritannien fast bekannter denn als Popstar. Doch gerade diese sympathische Bescheidenheit und die Aura einer Jederfrau, die mitten im Alltag steht, gehören zu ihrem Erfolgsgeheimnis.
Sexpositive Hymnen und erkämpfte Unverschämtheiten
Seit ihrem 2020 veröffentlichten Album "What's Your Pleasure?" gibt sich Jessie Ware musikalisch als lebensfrohe Performerin von Retro-Disco-Tunes und überschwänglichem Soulpop. Auf "Superbloom" gipfelt dies in buchstäblich schwitzigen Sexhymnen wie "Sauna", koketter S&M-Thematik in "Ride" oder dem umwerfenden "Automatic", das ebenso von einem Traumehemann wie von einem allzeitbefriedigenden Sexspielzeug handeln könnte.
Mit ihrem Sexpositivismus, dem sie nun nach sechs Jahren das Krönchen aufsetzt, reiht sich Jessie Ware in einen Emanzipationstrend mittelalter Künstlerinnen ein. Kolleginnen wie Robyn, Lily Allen, Sophie Ellis-Bextor oder die Kreuzberger Musikerin Christiane Rösinger diskutieren in ihren Werken mit schonungsloser Offenheit ihre Sexualität, Körperlichkeit und Lebenserfahrungen.
"Wir legen alle unsere Seele bloß", sagte Ware kürzlich der Londoner "Times" über ihre gleichaltrigen oder älteren Kolleginnen. Madonna bleibt dabei die Pionierin und Ur-Tabubrecherin, an der sich diese Künstlerinnen orientieren – doch anders als ihre Vorgängerin dürfen sich Wares Generation heute verletzlicher und weiblicher zeigen.
Die Kunst der Widersprüche: Hausfrau und Domina in einer Person
Die eigentliche Errungenschaft dieser erkämpften Unverschämtheiten liegt in der glaubwürdigen Vereinbarkeit scheinbarer Widersprüche: sich einerseits als domestizierte Hausfrau, Mutter und Podcasterin am Familienherd präsentieren zu können, andererseits aber auch als Domina mit Peitsche und Cowboy-Fantasien überzeugend zu wirken. Eine glorreiche Halunkin, diese Jessie Ware, die mit "Superbloom" nicht nur ein exzellentes Album vorgelegt hat, sondern auch ein wichtiges Statement gegen Altersdiskriminierung und sexistische Vorurteile setzt.
Das Album erhält eine Wertung von 8,5 von 10 Punkten und beweist: Sexy ab 40 ist nicht nur möglich, sondern kann in den richtigen Händen zu einer triumphierenden künstlerischen Aussage werden.



