Sokhiev dirigiert Prokofjew im Herkulessaal: Sensible Klangwelten ohne Ohrenklingeln
Im Herkulessaal in München präsentierte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Tugan Sokhiev ein faszinierendes Programm mit französischer und russischer Musik. Der Abend begann mit Camille Saint-Saëns' Klavierkonzert Nr. 5, das auch als "Ägyptisches" bekannt ist. Dieses Werk, das harmonisch an ungarische oder asiatische Klänge erinnert, wurde vom Pianisten Alexandre Kantorow meisterhaft interpretiert.
Transparente Begleitung und elegante Soli
Kantorows Spiel zeichnete sich durch Klarheit und Präzision aus, während Sokhiev das Orchester transparent und einfühlsam begleitete. Das mitreißende Finale löste im Publikum wahre Begeisterungsstürme aus, auf die der französische Pianist mit Chopins Prélude op. 45 in cis-moll antwortete. Zuvor erklang bereits Gabriel Faurés Suite aus "Pelléas et Mélisande", die den Abend in einem ähnlich sensiblen Geist einleitete.
Der Höhepunkt des Abends war jedoch Sergej Prokofjews Suite aus dem Ballett "Romeo und Julia". Im Herkulessaal, der für massive Lautstärken nicht ideal ist, hätte dies eine Herausforderung werden können. Sokhiev widerlegte jedoch alle Vorurteile, indem er das Orchester eher abdämpfte als anfeuerte. Die Lautstärke wurde nur dort eingesetzt, wo es sinnvoll war, und so verstand jeder Zuhörer auch ohne Klingeln in den Ohren die tragische Botschaft der Musik.
Subtile Klangmischungen und düstere Vorahnungen
Sokhievs Auswahl aus den drei vom Komponisten selbst zusammengestellten Orchestersuiten bot das übliche "Best of" der ernsten Szenen, kontrastiert durch flockige Genretänze. Der Dirigent formte die Musik mit beiden Händen frei, ohne in übertriebene Romantisierung zu verfallen. Die Musikerinnen und Musiker folgten ihm willig und brachten subtile Klangmischungen zum Vorschein, besonders in der Szene des Bruders Lorenzo.
In der Abschiedsszene kam die düstere Vorahnung eines Nicht-Wiedersehens in den tiefen Streichern deutlich heraus. Sokhiev machte hörbar, dass es sich bei Tybalts Tod eigentlich um einen Trauermarsch handelt. Er betonte damit, dass Prokofjew nicht "Star Wars" und Weltraumschlachten komponierte, sondern die tragische Geschichte von Romeo und Julia.
Ein Dirigent mit Weitblick
Tugan Sokhiev, der 2027 das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker dirigieren wird, bewies einmal mehr sein feines Gespür für Klangbalance und Interpretation. Sein Ansatz, zuerst sensible französische Musik zu spielen, erwies sich als hilfreich, um die Intensität von Prokofjews Werk umso deutlicher herauszustellen. Der Abend im Herkulessaal zeigte, dass große Emotionen in der Musik auch ohne überwältigende Lautstärke transportiert werden können.



