Tänzerin Anna Korostelova: Nur auf der Bühne vergisst sie den Krieg in der Ukraine
Tänzerin: Nur auf der Bühne vergisst sie den Krieg in der Ukraine

Tänzerin Anna Korostelova: Nur auf der Bühne vergisst sie den Krieg in der Ukraine

Wenn Anna Korostelova die Bühne des Mecklenburgischen Staatstheaters betritt, verschwinden für sie alle Gedanken an den Krieg in ihrer ukrainischen Heimat. „Dann bin ich nur noch Tänzerin, konzentriere mich ganz auf meinen Auftritt“, sagt die 23-Jährige. In diesen Momenten entkoppelt sie sich vollständig von ihrer privaten Identität und lässt die Sorgen hinter sich – zumindest für die nächsten ein bis zwei Stunden.

Flucht aus der Ukraine und Neuanfang in Deutschland

Anna Korostelova wurde in Makijivka geboren, der unmittelbaren Nachbarstadt von Donezk. Bis 2014 lebte ihre Familie in Donezk, doch nach der völkerrechtswidrigen Besetzung der Krim durch russische Truppen zogen sie nach Kiew. Ihr großer Traum war stets eine internationale Karriere als Tänzerin, weshalb sie 2019 nach Berlin an die Staatliche Ballettschule ging.

Als Russland 2022 die Ukraine angriff, folgten ihre Mutter, Großmutter und Schwester ihr nach Deutschland. Die drei Frauen leben bis heute in Berlin. Ihr Vater hingegen blieb in Donezk zurück, um sich um seine alten Eltern zu kümmern. „Meine Eltern sind getrennt, ohne es zu wollen“, erzählt Korostelova mit bewegter Stimme.

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Kriegsalltag und künstlerische Verarbeitung

Die täglichen Nachrichten aus ihrer Heimat belasten die Tänzerin schwer. „Das ist so schwer zu ertragen“, sagt sie leise. Viele Freunde und talentierte Tänzerkollegen hat sie durch den Krieg verloren. „Die normalen Menschen in der Ukraine wollten diesen Krieg nicht, sie haben ihn nicht angefangen – aber sie sind es, die nun schon fast vier Jahre darunter leiden müssen“, betont sie.

Seit 2022 gehört Anna Korostelova zum Ballettensemble des Mecklenburgischen Staatstheaters in Schwerin. Hier hat sie ihre erste eigene Choreografie mit dem Titel „Nad Dunaem“ entwickelt. Das Tanzstück ist sowohl zart als auch kraftvoll und setzt auf die heilende Wirkung von Kunst.

„Dieses Stück ist eine Reflexion über die menschliche Fähigkeit, trotz Verlusten durchzuhalten und weiterzumachen“, erklärt die Tänzerin. Es handelt davon, sich auf ein neues Leben einzulassen, nachdem sich alles verändert hat. Damit die Schweriner Company ihre Choreografie authentisch auf die Bühne bringen kann, hat Korostelova den Tänzern viel von ihrer Familie und der Situation in der Ukraine erzählt.

Matinee zum Jahrestag des Angriffskriegs

Die Regisseurin Nina Gülsdorf organisiert am Mecklenburgischen Staatstheater zu jedem Jahrestag des russischen Angriffskriegs eine besondere Veranstaltung. In diesem Jahr steht die Matinee unter dem Titel „Auch im Krieg. Gerade im Krieg“ und rückt junge Ukrainer in den Fokus.

Neben Anna Korostelovas Choreografie wird eine Lesung mit Texten der renommierten ukrainischen Autorin Katja Petrowskaja präsentiert. „Wir suchen jedes Jahr einen anderen lokalen Anknüpfungspunkt an diesen traurigen Jahrestag“, erklärt Gülsdorf, die dabei eng mit der Integrationsbeauftragten des Landes, Jana Michael, zusammenarbeitet.

Im Mittelpunkt stehen diesmal ganz junge Menschen und die Frage, wie sie in Deutschland ihren Platz gefunden haben. Neben Korostelova werden zwei ukrainische Mädchen befragt, die in Schwerin die integrierte Gesamtschule Bertolt Brecht besuchen.

Kunst als Brücke des Verstehens

„Ich möchte, dass dieses schreckliche Unrecht den Menschen hier im Bewusstsein bleibt“, sagt Anna Korostelova über ihre Motivation. Die Tänzerin nutzt ihre Kunst bewusst, um von dem Krieg zu erzählen, den die Ukrainer ungewollt führen müssen.

Nina Gülsdorf gibt sich dabei keinen Illusionen hin: „Wir werden den Krieg durch unsere Matinee nicht beeinflussen, so sehr wir uns auch wünschen, dass er endlich zu Ende geht.“ Ihr Anliegen ist es jedoch, an die große Anteilnahme anzuknüpfen, die in den ersten Kriegsmonaten überall in Deutschland spürbar war. „Es gibt sie sicher auch immer noch, aber sie ist nicht mehr so sichtbar“, bedauert die Regisseurin.

Die Matinee mit Tanztheater und Lesung findet am Samstag, den 21. Februar 2026, um 11 Uhr in der M*Halle des Mecklenburgischen Staatstheaters statt.

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