Das Pentagon wird langsam nervös: Nahost-Korrespondentin Amiri analysiert den Iran-Krieg
Eine dichte Rauchwolke steigt nach einem amerikanisch-israelischen Militärschlag über Teheran auf. Im Hintergrund dieser dramatischen Bilder steht eine hochkomplexe politische und militärische Gemengelage, die die ARD-Journalistin und gebürtige Münchnerin Natalie Amiri im Interview detailliert analysiert. Die 47-jährige Expertin, die von 2015 bis 2020 das ARD-Studio in Teheran leitete und aktuell für das Studio in Tel Aviv arbeitet, schildert die Sorgen der iranischen Bevölkerung und die strategischen Überlegungen der Kriegsparteien.
Militärische Präzision versus politische Ungewissheit
Natalie Amiri betont die Diskrepanz zwischen militärischer Vorbereitung und politischer Planung. Während US-Kriegsminister Pete Hegseth die Operation als komplexeste und größtangelegte militärische Aktion der USA aller Zeiten bezeichnet habe und das Militär minutiös vorbereitet sei, gebe es erhebliche Zweifel am politischen Plan für die Zeit nach einem möglichen Regimewechsel. Die Journalistin verweist auf die unterschiedlichen Interessen der Beteiligten: Israel unter Premierminister Benjamin Netanjahu sehe das Momentum gekommen, die existenzielle Bedrohung durch das iranische Regime ein für alle Mal zu eliminieren. Gleichzeitig stehe Netanjahu innenpolitisch mit dem Rücken zur Wand und benötige bessere Umfragewerte vor den anstehenden Wahlen.
Divergierende Strategien: USA versus Israel
Die USA strebten nach einem möglichen Regimewechsel ein stabiles, kooperationsbereites Iran an, das wirtschaftlich geöffnet ist und in eine von den USA und den Golfstaaten geprägte Sicherheits- und Wirtschaftsordnung integriert werden könne. Dazu könnten sogar Figuren aus der Revolutionsgarde eingesetzt werden. Israel hingegen habe vor allem ein Interesse daran, dass Iran dauerhaft keine militärische Bedrohung mehr darstellt. Einige Strategen hielten deshalb sogar ein geschwächtes oder instabiles Iran für akzeptabel oder strategisch vorteilhaft.
Die iranische Bevölkerung zwischen Angst und Hoffnung
Die Menschen im Iran lebten in einem emotionalen Zwiespalt: Einerseits verspürten sie unglaubliche Angst vor den zunehmend massiveren Bombardierungen, andererseits gab es große Freude, als die Nachricht zirkulierte, Ajatollah Ali Chamenei sei tot. Trotz der Bomben und des allgegenwärtigen Unterdrückungsapparats seien Menschen spontan auf die Straße gegangen. Doch je größer die Zerstörung und die Schwächung des Regimes würden, desto größer werde auch die Angst der Bevölkerung vor der ungewissen Zukunft.
Das Regime schlägt zurück: Vorbereitete Strukturen
Das iranische Regime habe sich intensiv auf diesen Konflikt vorbereitet. Überall im Land seien Checkpoints aufgebaut worden, um die Hoheit auf der Straße zu wahren. Die elektronische Kommunikation sei seit Tag eins des Krieges komplett gesperrt. Das Regime verfüge über mindestens 700.000 Basidsch-Milizen, die zuvor bewaffnet und mit der Anweisung versehen worden seien, die Waffen von den Stützpunkten mit nach Hause zu nehmen. In Fünfergruppen trainierten sie für den Kampfeinsatz, wobei jede Gruppe einen Verbindungsmann zur nächsten Gruppe habe, um ein landesweites Netzwerk aufzubauen.
Die Opposition: Gespaltene Lager
Die Opposition im Ausland sei in zwei Hauptgruppen gespalten. Die eine Gruppierung argumentiere, der Krieg müsse sein, weil es keine andere Alternative zu diesem Regime gebe. Sanktionen, Reformen und Protestbewegungen hätten versagt, das Regime sei weder reformierbar noch zerstörbar gewesen. Diese Gruppe vergleiche die Situation mit Nazideutschland 1945 – ohne ausländische Intervention hätte es keinen Fall des Dritten Reichs gegeben. Die andere Gruppe sei entschieden gegen den Krieg und verweise auf die zivilen Opfer, darunter getötete Schülerinnen in Minab und beschädigte Weltkulturerbestätten wie den Golestan-Palast. Sie fürchte die Fragmentierung des Landes und einen Bürgerkrieg nach dem Vorbild Afghanistans, Libyens und des Iraks.
Die größten Ängste der Iraner
Die größte Sorge der iranischen Bevölkerung sei, dass die Ermüdungsstrategie des Regimes funktioniere. Das Regime könne durch gezielte Angriffe auf die Golfstaaten so viel wirtschaftlichen Schaden anrichten, dass diese Länder Druck auf Amerika und Präsident Donald Trump ausübten, den Krieg zu beenden. Die Golfstaaten benötigten den Tourismus zum wirtschaftlichen Überleben und wollten ihr Image als sicherer Ort inmitten von Sonne, Strand und Steueroase wahren. Hinzu komme die Gefahr von Kurseinbrüchen und Ölpreissteigerungen durch die Sperrung der Straße von Hormus durch die Revolutionsgarden. Sollte Trump aufgrund innenpolitischen Drucks oder steigender amerikanischer Todesopfer die Mission vorzeitig beenden, bliebe der iranischen Bevölkerung ein extrem angeschlagenes, gedemütigtes Regime, das seine Wut nach innen richten würde.
Kosten und Komplexität des Krieges
Die Dauer des Konflikts sei völlig ungewiss, betont Amiri. Das Pentagon werde langsam nervös, da der Krieg wahnsinnig teuer und komplex sei. Die iranische Strategie bestehe darin, zunächst die US-Streitkräfte durch die Zerstörung von Radaranlagen zu blenden und anschließend mit Raketen und kostengünstigen Drohnen verschiedene Ziele anzugreifen, um die US-Luftverteidigungssysteme zu schwächen. Sobald die Munition knapp werde, komme Iran mit den größeren und gefährlicheren Raketen. Russische Quellen gäben an, dass allein die Verluste bei den Radaranlagen die Summe von 3,5 Milliarden US-Dollar überstiegen. Israel solle dieser Krieg 2,9 Milliarden US-Dollar pro Woche kosten.
Die Nachfolgefrage und die Hydra des Regimes
Zur möglichen Nachfolge von Ajatollah Ali Chamenei durch dessen Sohn Modschtaba Chamenei habe ein hoher General im israelischen Militär auf die Frage, ob Israel das akzeptieren werde, nur drei Worte geantwortet: of course not. Es sei noch völlig unklar, wie sich das Regime aufstellen könne, da man sich mitten in den Angriffen befinde. Die entscheidende Frage sei, wie viele Köpfe diese Hydra noch habe und wie viele nachkommen würden. Das System habe sich bis zur vierten und fünften Riege Nachrücker bestimmt, sodass die Hydra noch einige Köpfe nachstellen könne.
Reza Pahlavi als umstrittener Hoffnungsträger
Der Sohn des verstorbenen Schahs, Reza Pahlavi, der kürzlich in München vor Hunderttausenden Menschen gesprochen habe, werde in der Opposition kontrovers diskutiert. Die einen sähen in ihm den Heilsbringer und Oppositionsführer, der definitiv kommen solle und bereits einen ausgearbeiteten Plan für die Übergangszeit habe. Pahlavi selbst sage, er wolle nur den Übergang begleiten, bis das iranische Volk in einem Referendum selbst über das politische System entscheiden könne. Die andere Gruppe kritisiere ihn als nicht teamfähig und fürchte, er werde ethnische Minderheiten ausschließen und nicht in der Lage sein, das 90-Millionen-Land zusammenzuhalten. Viele stünden dazwischen und argumentierten: Er sei immer noch besser als das, was gerade im Iran ist.
Zuversicht in die Entscheidungsfähigkeit der Iraner
Amiri äußert abschließend Zuversicht in die politische Reife der iranischen Bevölkerung. Die Menschen im Iran seien politisch sehr versiert, oft klüger und reflektierter sowie agiler in ihrem Denken als viele Exiliraner. Sie hätten dieses Regime ertragen und gelernt, innerhalb dieser Unterdrückung zu leben und zu überleben. Die Journalistin hoffe nur, dass sie am Ende dieser militärischen Eskalation auch die Chance bekommen, über ihre Zukunft selbst zu entscheiden.



