Israelischer Ex-General Yair Golan im ausführlichen Interview
Der ehemalige General Yair Golan (63) empfängt in Ramat Gan im Hauptquartier seiner Partei „Die Demokraten“. Der drahtige Mann mit militärischer Haltung gilt als furchtloser Kritiker, der bereits Positionen verlor, weil er stets offen seine Meinung äußert. Am 7. Oktober 2023, als Hamas-Terroristen an mehreren Stellen aus dem Gazastreifen durchbrachen, griff Golan selbst zum Sturmgewehr und rettete im Kampfgebiet Menschenleben.
Versagen am schwarzen Samstag
Golan macht Premierminister Benjamin Netanjahu (79) die Hauptschuld am Versagen der israelischen Armee an jenem verhängnisvollen Tag. „Das Versagen Israels ist auf das politische Konzept im Vorfeld zurückzuführen“, erklärt der Oppositionspolitiker. „Die Devise lautete: Wir wollen keine Einigung mit den Palästinensern, denn das würde bedeuten, Siedlungen räumen zu müssen.“
Der Ex-General analysiert weiter: „Die Rechten fürchten um ihre Errungenschaften in den besetzten Gebieten. Deshalb betrachten sie die Hamas als Gewinn und die Palästinensische Autonomiebehörde als Last.“ Die extremistische Hamas diene dazu, alle Palästinenser als Extremisten darzustellen, während die kooperationsbereite Autonomiebehörde gefährlich sei, weil sie eine mögliche Übereinkunft suggeriere. „So entstand die Illusion, man könne den Konflikt managen, ohne ihn lösen zu müssen“, resümiert Golan.
Realistische Ziele gegenüber dem Iran
Zum Krieg gegen den Iran hat Golan eine klare Position: „Ein Regimewechsel ist ein Herzenswunsch, ein Traum, aber kein realistisches Ziel.“ Stattdessen plädiert er dafür, das Regime zu erschüttern, ihm seine atomaren Fähigkeiten zu nehmen und seine Möglichkeiten für Langstreckenraketenangriffe auf Israel zu eliminieren. „Zu sagen, dass der Sturz des Regimes unser Ziel ist, ist nicht realistisch“, betont der erfahrene Militärexperte.
Netanjahu als Bedrohung für Israels Demokratie
Golan beschreibt Israel als „eines der Wunder des 20. Jahrhunderts“ – ein freies, demokratisches Land mit hervorragender Gesundheitsversorgung, fortschrittlicher Wirtschaft und bedeutenden wissenschaftlichen Errungenschaften. Doch er warnt: „All diese wunderbaren Sachen droht Netanjahu zu zerstampfen.“
Der Premierminister hetze eine Hälfte der Bevölkerung gegen die andere auf, verursache tiefe Risse und drohe, Israel in eine messianische Theokratie zu verwandeln. „Das ist für die demokratisch-liberale Öffentlichkeit nicht zu ertragen und bedroht unsere Perspektive, als modernes, freies und demokratisches Land zu bestehen“, so Golan.
Deutsche Wurzeln und persönliche Geschichte
Golans Vater kam mit seinen Eltern nach Israel, nachdem sie vor den Nazis geflohen waren. Der Politiker erinnert sich, wie seine Großeltern in Israel nur Deutsch sprachen, hart arbeiteten und in Armut lebten. „Wir verständigten uns mit Handzeichen und den paar Brocken Hebräisch, die sie, und den wenigen deutschen Wörtern, die wir aufgeschnappt hatten“, erzählt er. Erst mit den Wiedergutmachungszahlungen aus Deutschland endete die bittere Armut der Familie.
Yair Golan positioniert sich als linke Alternative zu Netanjahu und bleibt trotz aller Kritik ein überzeugter Verteidiger der israelischen Demokratie, deren Zukunft er jedoch durch die aktuelle Regierungspolitik ernsthaft gefährdet sieht.



