Golfstaaten im Dilemma: Zwischen Kriegsende und militärischem Engagement
Im Schatten des anhaltenden Nahostkonflikts zeichnet sich eine bemerkenswerte Entwicklung ab: Die arabischen Golfstaaten, einst bemüht um Kriegsvermeidung, zeigen nun wachsende Besorgnis über ein mögliches vorzeitiges Ende der Kampfhandlungen. Besonders die Regierungen in Riad und Abu Dhabi erwägen zunehmend, selbst aktiv in den Konflikt einzugreifen – eine Haltung, die drei erhebliche strategische Risiken für die gesamte Region birgt.
Diplomatische Eiszeit und geschlossene Institutionen
In Dubai, der kosmopolitischen Metropole der Vereinigten Arabischen Emirate, sind die Spannungen mit dem Nachbarland Iran deutlich spürbar geworden. Das traditionsreiche Iranian Hospital, ein architektonisches Juwel mit persischen Fassadenornamenten, steht seit Tagen leer. Ebenso verwaist ist der Iranian Club am Dubai Creek, wo sich normalerweise die große iranische Gemeinde zu Festen und dem legendären Ramadan-Buffet versammelt. Die VAE-Regierung hat beide Einrichtungen geschlossen mit der Begründung, sie verfolgten »Ziele gegen die Interessen des iranischen Volkes und das Recht der Vereinigten Arabischen Emirate«.
Doch diese Maßnahmen könnten nur der Anfang sein. Yousef Al Otaiba, der einflussreiche Botschafter der VAE in Washington, ließ in einem aktuellen Kommentar keinen Zweifel an der verschärften Haltung seines Landes: »Ein einfacher Waffenstillstand reicht nicht«, erklärte er und forderte eine umfassende Lösung, die alle Bedrohungen durch Iran adressiert – von nuklearen Ambitionen über Raketen- und Drohnentechnologien bis hin zu maritimen Blockaden.
Militärische Eskalation und regionale Verbitterung
Die Motive für diese Haltungsänderung liegen in der konkreten Bedrohungslage begründet. Seit Kriegsbeginn hat Iran nach Angaben aus Sicherheitskreisen rund 2000 Drohnen und Raketen Richtung Vereinigte Arabische Emirate abgefeuert – mehr als gegen jeden anderen Golfstaat. Zwar konnten die meisten Angriffe abgewehrt werden, doch einige trafen sensible Ziele wie das US-Konsulat in Dubai und den strategisch wichtigen Ölhafen in Fujairah.
»Die Golfstaaten mögen frustriert sein über bestimmte internationale Akteure«, analysieren Beobachter, »aber ihre eigentliche Verbitterung richtet sich gegen das iranische Regime, dem sie jahrzehntelang wirtschaftliche Aktivitäten ermöglichten und das sie nun mit Angriffen und Seeblockaden bedroht.«
Besonders alarmierend sind die jüngsten Äußerungen aus Teheran zur Straße von Hormus. Irans Außenminister Abbas Araghchi beanspruchte in diplomatisch verklausulierten Worten Souveränitätsrechte über die lebenswichtige Meerenge und kündigte »neue Arrangements für die Schifffahrt« an – eine kaum verhüllte Drohung, den Zugang zum Weltmarkt kontrollieren zu wollen.
Drei große Risiken eines militärischen Engagements
Die Überlegungen zu einer aktiveren Rolle im Konflikt bergen jedoch erhebliche Gefahren:
- Militärische Überforderung: Eine gewaltsame Öffnung der Straße von Hormus oder die Einnahme der iranischen Ölinsel Kharg würde selbst für erfahrene US-Streitkräfte eine hochriskante Operation darstellen. Die Golfstaaten, trotz Kampferfahrung aus dem Jemenkrieg, könnten an ihre Grenzen stoßen.
- Diplomatische Zerwürfnisse: Die Golfkooperation zeigt Risse im Umgang mit Teheran. Während Saudi-Arabien und Bahrain eine harte Linie favorisieren, pflegten Katar und Oman traditionell engere Beziehungen zu Iran. Omans Führung gratulierte sogar zur Ernennung des neuen Obersten Führers Mojtaba Khamenei.
- Geopolitische Realitäten: Selbst bei erfolgreicher internationaler Intervention bleibt Iran der dominante Anrainerstaat am Persischen Golf. Die geografische Nähe – an der engsten Stelle nur 150 Kilometer breit – macht die Golfstaaten besonders verwundbar für langfristige Spannungen.
Die VAE scheinen sich dieser Risiken bewusst zu sein und favorisieren laut Insidern der Financial Times die »Bildung einer breiten internationalen Allianz«, möglicherweise unter Einbeziehung europäischer Streitkräfte. Gemeinsam mit Bahrain arbeiten die Emirate angeblich an einer UN-Resolution zur Legitimierung eines solchen Einsatzes.
Unsicherer Ausblick für die Region
Die Golfstaaten stehen vor einer historischen Weichenstellung. Ihre Frustration über das iranische Regime ist verständlich angesichts der erlittenen Angriffe und wirtschaftlichen Bedrohungen. Doch ein eigenes militärisches Engagement könnte die bereits fragile Stabilität der Region weiter gefährden.
»Regime kommen und gehen«, mahnen regionale Experten, »aber Iran als geopolitische Realität wird bleiben. Während Amerika und Israel durch geografische Distanz geschützt sind, leben die Golfstaaten in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem potenziell feindlich gesinnten Regionalmacht.«
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob diplomatische Initiativen eine Eskalation verhindern können oder ob die Golfstaaten tatsächlich den riskanten Schritt zu einer militärischen Beteiligung am Nahostkonflikt wagen – mit ungewissen Folgen für die Sicherheit und wirtschaftliche Stabilität der gesamten Region.



