Herzog im BILD-Interview: „Jetzt nicht die Zeit, mit der Wimper zu zucken“
Herzog: „Nicht die Zeit, mit der Wimper zu zucken“

Israels Präsident im BILD-Interview: Herzog warnt vor iranischer Bedrohung

Jerusalem – Am elften Tag des Iran-Krieges empfängt Israels Präsident Jitzchak Herzog (65) BILD-Reporter Til Biermann in seinem Amtssitz, dem Beit HaNassi in Jerusalem. Es ist das erste Interview mit einem deutschen Medium seit Kriegsbeginn. Herzog wirkt freundlich, aber deutlich müde und angespannt, als er um 16.49 Uhr zum Gespräch erscheint. Die Bedrohung durch iranische Raketen ist allgegenwärtig – selbst während des Interviews ertönt plötzlich ein Raketen-Alarm.

„Vielleicht das letzte Kapitel des Krieges“

Herzog ist gerade von einer Reise in den Norden Israels zurückgekehrt, wo er den Golan besuchte. „Was ich dort vorgefunden habe, ist ein ungeheurer Geist“, berichtet er. „Die Menschen wollen wirklich Veränderung.“ Besonders bewegt hat ihn der Besuch bei einer drusischen Familie aus Madschdal Schams, deren Sohn zwei Tage zuvor im Libanon gefallen war – 38 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder. „Alles, was ihnen wichtig war, war, dass sein Kampf dem Ziel diente, wirklichen Frieden im Nahen Osten zu haben.“

Für Herzog ist dieser Krieg keine isolierte Auseinandersetzung, sondern eine direkte Fortsetzung der Ereignisse vom 7. Oktober 2023. „Es ist ein zusammenhängender Krieg“, betont er. „Er begann am 7. Oktober, und meiner Meinung nach erreichen wir vielleicht das letzte Kapitel des Krieges, indem wir die gesamte Konfiguration des Nahen Ostens verändern.“ Ausdrücklich lobt er US-Präsident Donald Trump für dessen „Führung und Mut und seine standhaften, punktgenauen, gezielten Bemühungen in dieser Hinsicht“.

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50.000 Tote im Iran – „Eine Lektion für die Welt“

Auf das Massaker des iranischen Regimes an der eigenen Bevölkerung angesprochen, korrigiert Herzog die bisher kursierenden Zahlen nach oben. „Ich denke, es sind etwa 50.000. Meine Daten zeigen 50.000.“ Daraus zieht er eine klare Schlussfolgerung: „Es ist eine Lektion für die Welt, dass man Grausamkeit mit viel Anstrengung und Stärke begegnen muss, ohne mit der Wimper zu zucken. Jetzt ist nicht die Zeit, um mit der Wimper zu zucken, sondern um sie vollständig zu untergraben.“

Dass nach den Massakern im Iran weltweit deutlich weniger Menschen protestierten als gegen den Krieg im Gazastreifen, empfindet Herzog als bezeichnend. Es zeige „die Heuchelei all dieser Demonstranten“, sagt er mit Blick auf die Gaza-Proteste. „Sie hätten vor den iranischen Botschaften auf der ganzen Welt demonstrieren sollen.“

Hoffnung auf das iranische Volk

Über die 90 Millionen Iraner äußert sich Herzog hoffnungsvoll: „Ich glaube an den Geist der Menschen im Iran. Sie können definitiv aufstehen und versuchen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.“ Bewegt habe ihn der Anblick iranischer Auswanderer und Israelis, die gemeinsam in London oder Athen tanzten und sich umarmten. „Dennoch bin ich nicht naiv; wir wissen, dass es ein sehr grausames Regime ist, aber es wird ein sehr geschwächtes Regime sein, und es wird von Tag zu Tag schwächer.“

Israel schützt auch Europa

Herzog betont, dass Israel mit seinem Kampf gegen den Iran letztlich auch Europa schütze. „Wir schützen Europa tatsächlich, indem wir dies tun.“ Sein Argument: Der Iran verbreite nicht nur regional, sondern weltweit Terror. „Warum braucht der Iran Terrorzellen in Brasilien oder in Australien? In ganz Europa? Es ist an der Zeit, dass die Welt dem Iran sagt: Wir haben es satt. Stopp. Genug ist genug.“ In diesem Zusammenhang lobt er Bundeskanzler Friedrich Merz für dessen „sehr starke und klare Worte an der Seite Israels“.

20.000 Raketen – eine Katastrophe

Die Bedrohung durch den Iran illustriert Herzog mit alarmierenden Zahlen. Neben dem Atomwaffenprogramm habe der Iran ein Arsenal von 20.000 Raketen angestrebt – das Zehnfache des aktuellen Bestands. „Sehen Sie sich an, was sie jetzt haben und wie viel Schaden das anrichtet. 20.000 wären eine Katastrophe gewesen.“ Die aktuellen iranischen Angriffe beschreibt er als hochkomplex: „Wir sprechen von Raketen, die 300 Kilometer hoch fliegen, die Atmosphäre verlassen, in den Weltraum eintreten und dann auf uns herabstürzen.“ Nur durch „Star Wars“-ähnliche Abfangtechnologien sei Israel in der Lage, sie abzuwehren.

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Netanjahu-Begnadigung – „Ich prüfe es ernsthaft“

Auch die heikle Frage nach einer möglichen Begnadigung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der wegen Korruption angeklagt ist, spricht Herzog offen an. US-Präsident Trump hatte behauptet, Herzog habe ihm fünfmal eine Begnadigung versprochen. Herzog weist dies zurück: „Ich habe weder ‚ja‘ noch ‚nein‘ gesagt. Ich habe gesagt, dass ich es sehr ernsthaft prüfen werde, und ich tue dies nach den Regeln.“ Er betont seine verfassungsrechtliche Bindung und dass normalerweise solche Verfahren vier bis acht Monate dauerten.

„Historisch einzigartige Gelegenheit“

Zum Abschluss des Gesprächs – kurz vor dem erneuten Raketen-Alarm – formuliert Herzog seinen eindringlichsten Appell: „Wenn wir gewartet hätten, wären wir fast an einen Punkt gekommen, an dem es vielleicht irreversibel gewesen wäre.“ Er erinnert daran, dass er bereits drei Monate vor dem 7. Oktober 2023 vor dem US-Kongress vor dem iranischen Terrornetzwerk gewarnt habe. „Wir haben die internationale Gemeinschaft immer wieder davor gewarnt.“ Jetzt, so Herzog, sei „historisch gesehen eine einzigartige Gelegenheit, die Zukunft des Irans zu verändern und zum Frieden zwischen dem Iran und seinen Nachbarn, einschließlich Israel, überzugehen“.