Nach Chameneis Tod: Iran vor historischer Zäsur - USA und Israel bombardieren weiter
Iran nach Chameneis Tod: Historische Zäsur und Angriffe

Iran nach Chameneis Tod: Eine Ära geht zu Ende

Im Iran ist mit der Tötung des obersten Religionsführers Ajatollah Ali Chamenei eine historische Ära zu Ende gegangen. Der mächtigste Mann der Islamischen Republik, der das Land fast vier Jahrzehnte mit harter Hand geführt hat, ist tot. Doch für die Angreifer reicht dieser Tod nicht aus: Die USA und Israel setzen ihre Bombardements auf iranische Ziele fort, um einen nachhaltigen Machtwechsel zu erzwingen. Der Nahe Osten steht möglicherweise vor einem großen Umbruch, dessen Ausmaß noch nicht absehbar ist.

Chameneis prägende Herrschaft

Ajatollah Ali Chamenei hat den modernen Iran seit 1989 wie niemand sonst geprägt. Als oberster Führer hatte er in allen wichtigen Fragen das letzte Wort, während Regierung und Präsident ihm untergeordnet waren. Der schiitische Ajatollah war nicht nur die höchste politische, sondern auch die oberste religiöse Autorität der Islamischen Republik. Unter seiner Führung entwickelten sich die Revolutionsgarden zur führenden Streitmacht des Landes und bauten ihre Auslandseinheiten massiv aus.

Mit der sogenannten „Widerstandsachse“ etablierte Teheran ein Netzwerk verbündeter Milizen im Irak, Jemen, Syrien, Libanon und in den palästinensischen Gebieten. Diese dienten als militärische Abschreckung gegen den Erzfeind Israel. Auch das umstrittene Atomprogramm und die Produktion ballistischer Raketen wurden unter Chameneis Führung systematisch vorangetrieben und ausgebaut.

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Unmittelbare Folgen und Machtübergang

Chameneis Tod markiert eine tiefe Zäsur für den Iran – eine epochale Veränderung, deren Konsequenzen noch nicht absehbar sind. Die Situation bleibt im Fluss, nicht zuletzt aufgrund der anhaltenden amerikanischen und israelischen Angriffe. Das Herrschaftssystem der Islamischen Republik ist erschüttert, doch ob es wankt oder gar zusammenbricht, bleibt ungewiss.

Staatlichen Medien zufolge soll vorübergehend ein Dreier-Gremium die Führung des Landes übernehmen: Präsident Massud Peseschkian, Justizchef Gholam-Hussein Mohseni-Edschehi und ein Jurist des sogenannten Wächterrats. Wer langfristig Chameneis Nachfolger wird, ist noch offen. Experten sind sich jedoch einig, dass ein neuer Religionsführer zunächst kaum die gleiche Autorität genießen wird wie Chamenei, der das System jahrzehntelang aufgebaut und geleitet hat.

Expertenmeinungen zur Stabilität des Systems

Thomas Juneau, Professor an der kanadischen Universität Ottawa, schrieb auf der Plattform X, die Islamische Republik könne „den Verlust mehrerer Schlüsselfiguren verkraften“, genauso wie mehrtägige Luftangriffe. Das Herrschaftssystem habe sich in den fast 50 Jahren seit der Revolution massiv gefestigt und kontrolliere über seinen vielschichtigen Sicherheitsapparat das öffentliche Leben mit harter Hand.

Zudem soll Chamenei nach den israelischen und amerikanischen Angriffen im vergangenen Jahr die Erstellung mehrschichtiger Nachfolgepläne für einen erneuten Kriegsfall angeordnet haben, um ein Machtvakuum zu vermeiden. Solange sich die Nachfolger auf Polizei, Militär, Revolutionsgarden und die Basidsch-Milizen stützen können, um mögliche Proteste zu unterdrücken, und es keine Palastrevolte innerhalb der Führungszirkel gibt, dürfte das System Bestand haben.

Mögliche Entwicklungsszenarien

Aktuell kann niemand mit Gewissheit sagen, wie der Iran in einer Woche, einem Monat oder in einem Jahr aussehen wird. Experten diskutieren jedoch verschiedene Szenarien:

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  1. Kontinuität: Irans Führung stellt sich neu auf, die Sicherheitskräfte unterdrücken mögliche Proteste, Teheran verkraftet die Luftschläge und erhöht mit anhaltenden Gegenschlägen die Kosten für die Angreifer.
  2. Massenproteste: Schon in der Nacht auf Sonntag kam es Berichten zufolge im Iran angesichts von Chameneis Tod mancherorts zu Freudenfeiern. Massenproteste parallel zu den Angriffen aus dem Ausland könnten die neue Führung zusätzlich unter Druck setzen.
  3. Palastrevolte: Theoretisch könnte im komplexen Herrschaftssystem der Islamischen Republik auch ein Flügel aufbegehren und die Macht an sich reißen, etwa seitens des Militärs oder der mächtigen Revolutionsgarden.
  4. Neues Gesicht, neuer Kurs: Die USA und Israel könnten ihre Angriffe fortsetzen, bis eine gemäßigtere Person die Führung in Teheran übernimmt und sich auf einen Dialog einlässt, insbesondere mit Blick auf das Atomprogramm.
  5. Regionaler Krieg: Der Iran-Experte Ali Vaez von der Denkfabrik Crisis Group warnt vor Vergeltungsmaßnahmen, die möglicherweise mehrere Fronten gleichzeitig entfachen könnten. Ein regionaler Krieg, der sich über den gesamten Nahen Osten ausbreitet, wäre dann kaum zu vermeiden.

Aktuelle Lage und Informationssperre

Abgesehen von offiziellen Mitteilungen dringen nur wenige Informationen aus dem Iran nach außen. Die Behörden verhängten eine Internetsperre, die auf Netzsperren spezialisierte Organisation Netblocks berichtete von einem „fast vollständigen Internetausfall“. Es gab aus dem Land nach der Bestätigung von Chameneis Tod Berichte über sowohl Freudenfeiern als auch tiefe Trauer.

Augenzeugen berichteten am Samstag per SMS, dass sich in der Millionenmetropole Teheran lange Schlangen an Tankstellen gebildet hätten. Viele Menschen versuchten, die Hauptstadt zu verlassen, zahlreiche Geschäfte waren geschlossen. Angesichts der anhaltenden Angriffe war es zunächst schwer, ein genaueres Bild der Lage zu bekommen.

Ziele der Angreifer

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu begründet die Angriffe auf den Iran mit dem Schutz vor einer existenziellen Bedrohung durch Teheran. Gemeint ist damit insbesondere Irans Atom- und Raketenprogramm. „Es dürfe nicht zugelassen werden, dass sich das mörderische Terrorregime mit Atomwaffen ausrüstet“, sagte Netanjahu.

US-Präsident Donald Trump will nach eigenen Angaben Amerikanerinnen und Amerikaner vor einer Bedrohung durch die iranische Führung verteidigen. Er zielte zudem in einer Videobotschaft auf das iranische Atomprogramm ab: „Sie dürfen nie eine Atomwaffe besitzen.“ Trump ermutigte die Iraner zu einem Machtwechsel und forderte die Revolutionsgarden, Streitkräfte und Polizei auf, ihre Waffen niederzulegen.

Hintergrund der Eskalation

Die Verhandlungen in Genf über das iranische Atomprogramm brachten bislang keinen Durchbruch. Die USA zogen in den vergangenen Wochen massiv Marine- und Luftstreitkräfte im Persischen Golf zusammen. Trump hatte Teheran ein Ultimatum bis Anfang März gestellt, das nun mit den Angriffen beantwortet wurde. Die mächtigen iranischen Revolutionsgarden geloben unterdessen Vergeltung für die Tötung ihres obersten Führers, was die Gefahr einer weiteren Eskalation des Konflikts erhöht.